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Der DAN MOI Blog ♫

In unserem Blog schreiben wir über uns, über Maultrommeln und andere Instrumente, über Veranstaltungen und Künstler, die mit unseren Instrumenten zu tun haben.

  • Die Königin der Flöten: Die Bassflöte Fujara

    Als der Parlamentspräsident (und spätere Staatspräsident) der Slowakei Ivan Gašparovič 1995 das Kulturzentrum der slowakischen Stadt Detva feierlich eröffnete, bereitete er den Gästen auf dem Empfang ein erinnerungswürdiges Geschenk: er nahm die Einladung eines Gastgebers an, eine Melodie auf der in der Region beheimateten Flöte Fujara zu spielen. Ohne zu zögern setzte Gašparovič an und bot ein Stück auf der mannshohen Bassflöte dar. Keine andere Geste hätte besser vermitteln können, wie stark sich Gašparovič mit der slowakischen Kultur verbunden fühlt. 

    Foto von Tibor Szabó.

    Die Kleinstadt Detva, gelegen in einer Talsenke am Fuße der Westkarpaten in der Zentralslowakei, ist bereits seit den 1960er Jahren als Zentrum gelebter slowakischer Folklore bekannt. Detva ist auch die Wiege der Hirtenflöte Fujara. Im Gedächtnis der Slowaken hat die Fujara den Gedanken an nationale Souveränität und Unabhängigkeit bereits ganze 300 Jahren lang betragen. Mit der Gründung der Slowakei 1992 avancierte die Fujara dann nicht nur zum kulturellen, sondern auch zum nationalen Wahrzeichen. Ausdruck dieser Symbolträchtigkeit ist nicht zuletzt, dass Ivan Gašparovič seinen Staatsgästen gern eines dieser ausgefallenen Instrumente als Geschenk überreichte. Wir betrachten die Fujara in diesem Spannungsfeld zwischen nationaler Verankerung, kultureller Anpassungsfähigkeit und zeitbasierter Neuorientierung.

    Es ist ihre auffallende Größe, ihre Bauform und ihr Klang, die sie unter den europäischen Flöten zu etwas ganz Besonderem macht: die Fujara tönt dunkel, weich und organisch, gleichzeitig aber auch agil, fremd und futuristisch durch die beißend hohen Obertöne auf bis zu vier Oktaven. Die Melodien entstehen durch die geschickte Kombination von Grifftechniken und dem Überblasen der Grundtöne. So werden Klänge wach, die rauschen, strömen, sanft aufkreischen, rufen und dabei immer wieder in flüsternden Klangfarben in sich ruhen.

    Instrument der Räuber und der Schäfer

    Zu den slowakischen Fujara Meistern gehören u.a. Pavol Smutný, Tibor Kobliček, Juraj Kubinec und Dušan Holík. Sie beherrschen die überlieferte Spielweise. Traditionell bezieht sich die Fujara auf ein überliefertes Repertoire von Hirten- und Banditenliedern. Ja, Wegelagerer und Räuber waren auch Wegbegleiter der Fujara. Sie sollen – so erzählt es die Geschichte der Zentralslowakei – auf den Weiden und in den Wäldern gewissermaßen in Nachbarschaft mit den Schafhirten der Region gelebt haben. Die Hirten hüteten ihre Schafe in Begleitung von Musik und spielten auf unterschiedlichsten Flöten. Am bekanntesten sind zwei von ihnen: die kleine Koncovka und die große Fujara. Die Koncovka wird manchmal als kleine Schwester der Fujara bezeichnet. Sie ist ca. 50 cm lang und besitzt keine Grifflöcher. Die Töne werden allein durch Überblasen sowie durch Öffnen und Schließen der unteren Öffnung der Flöte erzeugt. Die größere Flöte, die Fujara, galt als Instrument des Herdenführers und obersten Schafhirten. Die kleinere Koncovka wurde eher von seinen Gehilfen gespielt. Auch deshalb wird die Fujara als „die Königin der slowakischen Musikinstrumente“ bezeichnet.

    Die oben erwähnte Nähe von Schäfern und gesellschaftlichen Außenseitern hat sich im Repertoire slowakischer Lieder niedergeschlagen: Die Lieder berichten nicht nur vom Leben in der Natur und bekräftigen ein humanes, aufrichtiges Miteinander; es sind auch improvisierte Stücke, die den Lauf des Flusses oder das Rauschen der Wälder nachempfinden. Die entrechteten Menschen, die außerhalb der Dörfer wohnten, brachten den Ruf nach Gerechtigkeit und Freiheit, gegen Besetzung und Unterdrückung in das Liedgut ein. Sie sind es auch, die heute als erste Verfechter slowakischer Unabhängigkeitsbestrebungen gelten. Ihr bekanntester Vertreter war der Räuber Juraj Jánošík, der heute als Nationalheld geachtet wird.

    Fujara Spieltechnik & Repertoire

    Das überlieferte Liedgut für die Fujara kombiniert Instrumentalspiel und Gesang. Die Fujara-Spieler waren und sind deshalb auch gute Sänger*innen. Eine Aufführung beginnt in der Regel mit dem markanten Anfangsmotiv, einem Signal, das rozfuk genannt wird. Dabei wird vom höchsten Ton der Flöte eine Tonfolge abfallend bis zum tiefsten Klang des Instruments gespielt. Traditionell wird auf der Fujara eine 12-tönige, mixolydische Skala gespielt. Auf die Anblasformel rozfuk folgt die erste Strophe, die auf der Flöte mit reichhaltigen Improvisationen, frei umspielt wird. Danach setzt der Fujara-Spieler ab und singt die Strophe noch einmal, um den Text zu Gehör zu bringen. Ein Beispiel für diese traditionelle Vortragsweise gibt der Meister Ladislav Libica in einer Aufnahme des Liedes „Kade idem, vsade trniem“, „Wohin ich auch gehe, erzittere ich“:

    Imposant ist die Größe der Fujara. Ihr Schallrohr misst bis zu zwei Meter. Es ist selten kürzer als 1,40 m. Der Spieler oder die Spielerin hält das Instrument senkrecht vor dem Körper. Wegen ihrer Länge werden Fujaras mit Hilfe eines am Instrumentenkorpus befestigten Anblasrohrs gespielt, das das Anspielen vereinfacht. Die Anblastechnik ist ähnlich der Vorrichtung an den Moseño Flöten aus Südamerika. So lässt sich auch die Fujara (ebenso wie die Moseño) relativ leicht anspielen. Der Ton entsteht wie bei einer Blockflöte durch eine sogenannte Kernspalte. Man bläst Luft durch das Rohr und es entsteht sofort ein Ton. Die Herausforderung, um die Fujara gut zu spielen, ist dann die Töne durch Griff- und Atemtechnik gut zu führen und anzuspielen.

    Die Fujaras besitzen drei vorderständige Grifflöcher. Die Grifflöcher befinden sich bei der Fujara im unteren Drittel der Instrumente. Der Spieler bzw. die Spieler*in muss ihre Arme oft etwas strecken, um die Grifflöcher zu erreichen. Der Mittelfinger der linken Hand bedeckt das oberste Griffloch. Die rechte Hand wird zu den beiden unteren Tonlöchern geführt; der Daumen der rechten Hand überdeckt das mittlere Griffloch und ihr Mittelfinger das untere Tonloch. Fujaras besitzen generell kein Griffloch für den Daumen auf der Rückseite des Rohrs. Ein Video schaut dem 2017 verstorbenen, sehr anerkannten Fujara-Meister Dušan Holík auf die Finger:

    Über die Ursprünge der Fujara weiß man bisher leider nur sehr wenig. Als sicher gilt, dass der Bau der Instrumente und ihre Verwendung ins 17. und 18. Jahrhundert datiert werden können. Möglicherweise spielten bei ihrer Entwicklung andere Musikinstrumente aus der Kunstmusik eine Rolle. Das Bassoon und die barocke Bassblockflöte für den Bau von Fujaras Anregung geboten haben.

    Die Fujara im 21. Jahrhundert

    Jede Fujara ist etwas Besonderes, ein Unikat. Die Instrumente werden von Hand gebaut, deshalb folgt jedes einzelne einer individuellen ästhetischen und klanglichen Konzeption. Die Bauweise der Instrumente wurde im Laufe der Jahre, der Nachfrage folgend, beständig an die Bedürfnisse der Musiker*innen angepasst. Heutige Instrumente werden den aktuellen Anforderungen gerecht, sie sind trotz ihrer Länge gut transportabel, einwandfrei gestimmt und dadurch auch mit anderen Instrumenten kombinierbar. Auch der Abstand der Grifflöcher ist im Vergleich zu älteren Instrumenten etwas komfortabler.

    Die DAN MOI Fujaras sind 150 cm oder 170 cm lang und aus Holunderholz gefertigt. Sie sind von handwerklich höchster Qualität, sauber gestimmt und sorgfältig behandelt, um garantiert lange damit Freude zu haben. Gestimmt sind die Flöten auf die vier Grundtöne A2, B(H)2, C#3 und D3 oder G2, A2, B(H)2 und C3. Intuitiver lässt sich die neuentwickelte Fujara Integral spielen, mit der man herrlich improvisieren kann. Die Skala kann noch um viele Töne der Obertonreihe erweitert werden. Indem der Spieler oder die Spielerin die Atemluft unterschiedlich stark in das Instrument bläst, können durch die Technik des „Überblasens“  weitere Töne der Obertonskala angesteuert werden. Gebaut hat die Fujaras von DAN MOI ein slowakischer Instrumentenbauer, der in Tschechien seine Werkstatt hat. Die Fujaras sind mit einem filigranen Ornament im oberen Teil der Flöte geschmückt. Die Oberfläche der Flöte ist mit Leinöl behandelt. An den Instrumenten von DAN MOI ist außerdem eine Klappe angebracht durch die das Kondenswasser, das beim Spielen entsteht, abgelassen werden kann.

    Heute gibt es viele Fujara Spieler – und das nicht nur in der Slowakei, sondern auch in anderen Ländern Europas und auf dem amerikanischen Kontinent. Inzwischen sind es nicht die Hirten, die Fujara spielen, es sind Menschen, die z.B. als Ärzte, Lehrer, Elektriker oder Anwälte in Städten leben. Neue Kompositionen für die melancholischen Bassflöten entstehen. Bereits seit vielen Jahren haben auch Musiker*innen aus den Bereichen Jazz- und Weltmusik die Fujara entdeckt und bringen sie in verschiedensten Kontexten zum Klingen. Musiker wie Marco Trochelmann, Bernhard Mikuskovics oder Max Brumberg machen die Fujara über ihre nationalen Grenzen bekannt. Die Fujara mit ihrem berührend tiefen Klang wird inzwischen auch zu therapeutischen Zwecken und zur Meditation eingesetzt.

    In der Slowakei selbst ist die Aufmerksamkeit für die Fujara, parallel zur 1993 gewonnen Unabhängigkeit der Slowaken, noch einmal signifikant gestiegen. Nachdem bereits in den 1960er Jahren mit der Gründung von Folklore-Festivals und instrumentenkundlichen Forschungen ein erster Aufschwung wahrnehmbar war, folgte seit 1975 ein Fujara-Wettbewerb für Spieler und Instrumentenbauer, der als Ausgangspunkt für die Renaissance des Instruments gilt. Die Fujara wurde in der ganzen Slowakei bekannt, behielt jedoch ihr traditionelles Zentrum in der Zentralslowakei, in der Region Podpol’anie, bei.

  • Die Akustik der Maultrommel: Robert Vandré und die Faszination der Maultrommel-Physik

    Was hat das Maultrommelspielen mit dem Sprechen zu tun? Robert Vandré sagt, man lerne viel über die Maultrommel, wenn man sich mit den physiologischen und physischen Vorgängen des Sprechens beschäftigt. Es gibt ähnliche Mechanismen, die sowohl beim Sprechen als auch beim Maultrommelspielen den Klang bilden, z.B. die Bewegung der Zunge oder die verschiedenen Resonanzräume im Kopfbereich. Robert Vandré ist Hobbymusiker und seit über 20 Jahren auch Maultrommel-Akustiker. Vandré ist Autor einer Maultrommelschule und eine Instanz für detailbegeisterte Maultrommelspieler*innen, denn er hat das Instrument bis ins Mark untersucht und vermessen. Bisher existieren nur wenige Studien über die akustischen Parameter der Maultrommel. Seine seit 2002 betriebene Webseite rvandre.de gehört zu den wenigen Quellen, die die Schalleigenschaften der Maultrommel auf Grundlage handfester Zahlen umfassend analysiert. Deshalb ist sie ein Schatz für Instrumentenkundler*innen und Akustiker*innen, aber gleichzeitig auch eine Fundgrube für Maultrommelspieler*innen, die tiefer in das Instrument und seine Funktionsweise einsteigen wollen. Helen von Dan Moi traf Robert 2017 zum Ancient Trance Festival in Taucha.

    Quelle: http://rvandre.de/toene.html.

    Der naturwissenschaftliche Ansatz

    Die akustischen Bedingungen für die Maultrommeln haben mich sehr interessiert. Ich bin Naturwissenschaftler, Ökologe, arbeite als Bodenkundler und Botaniker. Musik ist mein Hobby. Ich hab also einen ganz anderen Zugang zu den Instrumenten, als viele andere Maultrommelspieler. Mich interessiert schon wie sich das anfühlt und was die Maultrommelmusik mit der Seele macht. Aber ich nehme die einzelnen Faktoren auch auseinander und will wissen wie die Instrumente physikalisch funktionieren. Ich bin eher der Techniker, der sagt, das ist Rhythmus, das Melodie, das macht das Zwerchfell, das machen die Finger, das macht der Atem, das ist Artikulation. 

    Robert Vandré hat die Maultrommel akustisch untersucht, gemessen und Daten ausgewertet. Er nahm die Töne einer Maultrommel auf und fertigte mit Hilfe eines Computerprogramms Frequenzspektren dieser Töne an. Die Spektren bilden die Obertöne ab, die in einem Maultrommelton mitschwingen. Bereits seit dem Jahr 2002 betreibt Robert Vandré seine Webseite rvandre.de, auf der er diese Untersuchungen dokumentiert und öffentlich zugänglich macht. Man sieht in den Grafiken, welche Obertöne in einem Klang wie stark ausgeprägt sind und versteht dadurch wie sich ein Klang physikalisch zusammensetzt. Das Ergebnis der Untersuchungen sei verblüffend gewesen, sagt Robert Vandré, „ich war sehr überrascht, wie regelmäßig das Muster des Klanges ist, den die Zunge der Maultrommel generiert.“ Anhand seiner Messungen lässt sich nachvollziehen, wie die Maultrommel funktioniert: Maultrommeln haben jeweils einen Grundton, alle weiteren Töne der Maultrommel sind Obertöne dieses Grundtons, die durch den Maultrommelspieler durch gezielte Bewegungen des Mund- und Rachenraums angesteuert werden können. 

    Die Maultrommel habe ich vor vielen Jahren mal auf einem Festival entdeckt. Dort gab es Schwarz-Maultrommeln aus Österreich. So eine habe ich mir damals gekauft und darauf ein bisschen rumgeschnarrt. Ich dachte zuerst an Snoopy von den Peanuts, der spielt ja Maultrommel, zum Beispiel spielt Snoopy im Bus. Also habe ich mit meiner Maultrommel rumprobiert und bin so weit gekommen, dass ich Melodien spielen konnte, die die anderen Menschen in meiner Umgebung erraten mussten. Dann ist das Instrument erst mal jahrelang liegengeblieben und bei mir in Vergessenheit geraten, bis ich nach Frankfurt auf die Musikmesse fuhr. Auch das ist jetzt schon viele Jahre her. Dort gab es einen Stand mit ungarischen Maultrommeln von Szilágyi. Ich hab mir eine gekauft und schon auf der Zugfahrt nach Hause hat es mich total gepackt: es war richtig klasse mit einer guten Maultrommel zu spielen und darauf Sachen auszuprobieren. Und so bin ich dann richtig neugierig geworden: wie funktioniert so eine Maultrommel, was steckt physikalisch dahinter? Ich begann rumzuprobieren, mir Gedanken zu machen und Sachen zu lesen, z.B. von Sprachwissenschaftlern, die beschreiben wie im Vokaltrakt ein Ton entsteht und geformt wird." 

    Die richtige Maultrommel finden

    Das akustische Interesse bleibt nicht nur theoretisch. Robert Vandré hat seine eigene Technik entwickelt, wie er Maultrommeln verbessert, die nicht so gut klingen. „Ich spiele sehr gern die Maultrommeln aus der Werkstatt von Josef Jofen, der heute leider keine Maultrommeln mehr baut, weil er in Rente gegangen ist. Dann spiele ich gern Schlütter- und Szilágyi-Maultrommeln, die sind beide sehr gut. Wenn mal eine nicht so gut klingt, dann habe ich das Ende der Zunge, das man mit den Fingern anschlägt, mit der Zange etwas gekürzt und wieder krumm gebogen. Dann stimmt zwar die Tonhöhe nicht mehr, aber das war mir egal, es sind heute meine besten Maultrommeln.

    Ein gutes Instrument zu finden, ist bereits für Anfänger*innen ganz wichtig. Aber wie findet man ein gutes Anfängerinstrument? „Wenn man die Gelegenheit hat, ist es auf jeden Fall gut an einem Stand, wo es Maultrommeln gibt, einige auszuprobieren“, empfiehlt Robert Vandré. „Wichtig ist ein Instrument mit einer weichen Zunge zu wählen, damit die Instrumentenzunge nicht mit zu viel Energie an den Zähnen schwingt. Die Maultrommel sollte dabei trotzdem einen guten Klang haben.“ Für Robert liegt das Geheimnis einer guten klingenden und gut spielbaren Maultrommel in der Länge des abgebogenen Teils der Zunge. Dieser sollte wie oben beschrieben kurz sein, damit die Gegenschwingung nicht so stark ausfällt, denn dann kann das Instrument einen schönen Klang entfalten.

    Quelle: http://rvandre.de/spieltechnik.html.

    Mit Körperbeherrschung spielen

    Wie die meisten Maultrommelspieler ist auch Robert Vandré Autodidakt, jedoch gibt er sein Wissen inzwischen an andere weiter. Um neuen Maultrommelspielern den Einstieg zu erleichtern, hat er seine Kenntnisse in einem Kurs zusammenstellen, der auch als Heft veröffentlicht ist. Hin und wieder leitet Robert Vandré auch Workshops für Maultrommeleinsteiger oder auch für Fortgeschrittene Spielerinnen und Spieler. 

    Was mich bei der Maultrommel hält ist, dass der Klang nach innen geht und es wirklich gute Laune macht. Es ist einfach schön zu spielen. Mir macht es auch Spass die Maultrommel mit Körperbeherrschung zu spielen, d.h. mit kontrolliertem Atem wie Aron Szilágyi das fantastisch macht. Kontrollierte Rhythmen, kontrollierte Stücke, Choräle, Volkslieder, also wirklich Musik auf der Mautlrommel spielen und nicht nur Geräusche. Das ist, was mich interessiert. Ich will da richtig Musik drauf machen. Als ich die Maultrommel für mich entdeckte, kam sie als Musikinstrument im öffentlichen Raum, soweit ich mich erinnern kann, so gut wie gar nicht vor. Nur das Sprungfedergeräusch als Klangeffekt tauchte hin und wieder mal auf. Außerdem war da die Titelmelodie der Sesamstraße: aber da spielt die Maultrommel gerade einmal zwei Tönen im Rhythmus. Die Maultrommel als Melodieinstrument schien es gar nicht zu geben. 

    So wie ich das sehe, gibt es in Deutschland so gut wie keine lebendige Maultrommeltradition, höchsten dann im Alpenraum, Richtung Molln, in Österreich. Das Maultrommelspielen ist hier völlig neu erfunden worden. Wirklich wieder zum Leben erweckt hat die Maultrommel hier in Deutschland eigentlich erst die Weltmusik-Szene, genauer eigentlich jene Leute, die sich mit Spiritualität beschäftigen, also über das Gefühl den Zugang zur Maultrommel finden.“ Wirklich gute Maultrommelspieler, sagt Robert Vandré habe er erstmals 2007 gehört, beim ersten Ancient Trance Festival, das damals noch in Leipzig stattfand. „Den guten Maultrommelspielern auf die Finger schauen zu können, war der Antrieb für mich sich weiter mit Maultrommeln zu beschäftigen. 

    Hier könnt ihr Robert hören. Er spielt das Stück "Abendspaziergang":

  • Amazing jaw harp music: Rock, Pop, Jazz

    Wer spielt eigentlich Maultrommel?: sind es die Träumer oder sind es die Leute mit Humor, sind es neugierige Klang-Enthusiasten oder Liebhaber_innen experimenteller Musik. Wir haben in den Musikarchiven gegraben und dort bemerkenswerte Musikstücke mit Maultrommel aus den Bereichen Rock, Pop und Jazz gefunden. Unsere Auswahl umfasst 15 Songs, die auch unter dem Hashtag #amazingjawharpmusic wieder zu finden sind.

    In der Playliste taucht Maultrommelmusik auf, die die traditionellen Pfade des Instruments verlässt, sich also jenseits von traditionellen und weltmusikalischen Ansätzen entwickelt. Die Maultrommel versteckt sich dann als Rhythmusinstrument in einer Rockband (Medicine Head, Leonard Cohen, The Clash) und unternimmt mutige Gehversuche als Soloinstrument neben Trompete und Bass im Jazz-Ensemble (Dizzy Gillespie, Gina Gershon). Mal gibt die Maultrommel dem Rhythmus das „gewisse Etwas“ (John Zorn), mal ist sie das i-Tüpfelchen in einer Komposition (Joanna Newsom), mal ist sie Dreh- und Angelpunkt für eine experimentelle, ganz persönliche Auseinandersetzung mit Sound (Harvey Matusow).

    Die Songs von #amazingjawharpmusic sind keineswegs von Maultrommel-Virtuosen gespielt. Viele der Aufnahmen sind von Musiker_innen und Künstler_innen, die die Maultrommel eher nebenbei spielen. Sie benutzen sie als „Hinhörer“, als besonderen Klangeffekt in ihrer Musik. Auffällig ist auch, dass sie das „brummende Eisen“ als Medium für ihren ganz individuellen Zugang zu Musik verwenden (Daniel Higgs, Meredith Monk). Wir hoffen, dass diese Auswahl an Maultrommel-Stücken Inspiration und Überraschung zugleich sein wird.

    #15 Wir starten mit dem schwebenden Stück „Mystic Circles“ von John Zorn vom Album „The Dreamers“ (2008). Die Maultrommel pulsiert in diesem Stück, sie bleibt der Rhythmusgruppe auf den Fersen, aber schweift kontinuierlich gedankenverloren ab. Die rhythmischen Motive kreuzen die Melodien wie vorbeirasende Kometen. Bewegend und nachdenklich.

     

    #14 „Rendezvous with Death“ von den Tiger Lilly´s ist eine musikalische Parodie auf die Sterblichkeit. Veröffentlicht 2016 auf dem Album „A dream turns sour“, ist es die Maultrommel, die dem Song seine Unschuld und leichtfüßige Sorglosigkeit verleiht. Als Hörer_in fühlt man sich dennoch alarmiert von der bedrohlich-hinterlistigen Atmosphäre, die eben auch in dem Stück mitschwingt. Ein ganz besonderes akustisches Duo bildet die Maultrommel mit der Horrorclown-Falsette-Stimme von Martyn Jacques.

     

    #13 Auch der Song „I can´t decide“ vom Album Ta-Dah (2006) von den Scissor Sisters ist mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humor versehen. Es ist die Maultrommel, die wieder „das gewisse Etwas“ in die Musik bringt. Gespielt wird sie von der US-amerikanischen Schauspielerin Gina Gershon, die aus Filmen wie „Bound“, „Im Körper des Feindes“ und „Insider“ bekannt ist.

     

    #12 Die deutsche Band 2raumwohnung um die Sängerin Inga Humpe veröffentlichte 2001 ihr erstes Album „Kommt zusammen“. Die Maultrommel ist gleich im ersten Song des Albums zu hören. Sie folgt der Melodie der Bass-Line und verbreitet zusammen mit der Lagerfeuer-Gitarre eine eher hippieske Stimmung.

     

    #11 Die britischen Bluesrocker von Medicine Head hatten mit ihrer Single „One and one is one“ 1973 ihren größten Erfolg. An der Seite von Schlagzeug und Bass spielt Peter Hope-Evens einen beständig zirkulierenden Maultrommelrhythmus. Das Stück ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Maultrommel als Rhythmusinstrument in einer Rockband Verwendung findet. Hope-Evens spielt übrigens bis heute leidenschaftlich Mundharmonika und Maultrommel, u.a. mit seiner Blues Club Band.

     

    #10 Wusstet ihr, dass Dizzy Gillespie nicht nur ein genialer Trompeter, sondern auch ein ausgezeichneter Maultrommelspieler war? Zeugnis von Gillespie´s Maultrommelkunst legt das Album „To a Finland Station“ ab, das er 1982 zusammen mit dem Trompeter Arturo Sandoval in Helsinki aufnahm. Man hört ihn mit dem Brummeisen in den Tracks „First Chance“ und „Dizzy the Duck“. In den beiden Stücken wird die Maultrommel auch solistisch eingesetzt, rückt also als Melodieinstrument in den Vordergrund. In einem Interview erinnert sich Arturo Sandoval, dass Dizzy Gillespie eine gute Portion Humor besaß, die auch in seine Musik einfloss. Es habe oft Maultrommel gespielt. Sandoval erzählte, er habe von Gillespie sogar eine Maultrommel geschenkt bekommen und Gillespie zeigte ihm auch wie man darauf spielt. Dizzy Gillespie war in den 1980er Jahren auch in einer Folge der „Bill Cosby Show“ zu sehen. Er trat als Musiklehrer Mr. Hampton auf, der der kleinen Tochter der Huxtable Familie das winzige Hosentascheninstrument vorführte. (Alle, die sich die Geschichte selbst ansehen wollen, sollten nach der Serie mit dem Namen „Play it again, Vanessa“ suchen.)

     

    #9 Hier ist ein weiterer Titel mit der US-amerikanischen Schauspielerin Gina Gershon. Sie spielt ein Duo mit dem Bassisten Christian McBride. „Chitlins and Gefilte Fish“ ist eine freudvolle instrumentale Unterhaltung zwischen den beiden übers Essen. Der Song ist auf McBride´s 2011 erschienen Album „Conversations with Christian“ erschienen.

     

    #8 Die genialen Musiker von der Schweizer Gruppe Stiller Has zelebrieren die Berner Mundart auf ihrem 1994 veröffentlichten Album „Landjäger“. Darauf befindet sich der Song „Gruusig“, in dem die Maultrommel den Gesang (ganz wie es der Titel vorschlägt) auf wahrhaft fürchterliche Weise konterkariert. Alle jene unter Euch, die es nicht ertragen einer Maultrommel zuzuhören, die falsch wenn nicht gar blöd klingt, sollten dieses Stück nicht anhören.

     

    #7 Die Musik des US-amerikanischen Künstlers Daniel Higgs bewegt sich zwischen experimenteller Klangsprache, Post-Hardcore Einflüssen und ethnologischen Sounderkundungen. Higgs war der Kopf der Band Lungfish, die zwischen 1987 und 2005 zusammen gespielt hat. Ihr Stil war geprägt von wiederkehrenden, fast meditativen Klängen. Seit zehn Jahren ergründet Higgs nun schon neue Gefilde als Solist und in Kooperationen mit anderen Musikern. Die Maultrommel begleitet ihn stets auf dieser Reise. 2003 entstand das Album „Magic Alphabeth“, auf dem er sich ganz und allein der Maultrommel widmete. Dieser experimentelle Ansatz mit dem Instrument umzugehen ist zwischen Folk und Noise, und einer exzessiven Suche nach der eigenen „Maultrommel-Stimme“ angesiedelt.

     

    #6 Ein wirklich extravagantes Statement die Maultrommel als zeitgenössisches Musikinstrument jenseits von allem Dagewesenen zu präsentieren, kommt von Harvey Matusow und seiner Jew´s Harp Band. Das Album „War Between Fats and Thins“ erschien 1969. Dabei ist Matusow nicht in erster Linie bekannt als Musiker, vielmehr war er Kunst- und Musikliebhaber. Er erlangte Berühmtheit, für seine Doppelrolle als Mitglied der kommunistischen Partei und Spion des FBI in der McCarty Ära. Matusow war auch in die künstlerischen Milieus der USA vernetzt. In seinem Exil in England organisierte er Film- und Musikfestivals mit zeitgenössischem Repertoire. Er arbeitete für Fernsehen und Radio und er nahm das von LSD-Konsum beeinflusste Maultrommel-Album mit der Jew´s Harp Band auf.

     

    #5 Die Harfenistin und Songwriterin Joanna Newsom spielte 2006 den wundervoll epischen Titel „Emily“ für ihr Album „Ys“ ein. Man muss sich gedulden bis zur Minute zehn dieses zwölf Minuten langen Liedes. Erst dann verteilt eine scheue Maultrommel ihre akustischen Farbsprenkel in dem Stück. Dieser Song ist ein Gemälde und eine unerhört schöne lyrische Begegnung.

     

    #4 Viele werden wissen, dass Leonard Cohen die Maultrommel in seiner Musik verwendet hat. Man hört sie in „Tonight will be fine“ vom 1969 erschienen Album „Songs from a room“ und in „Is this what you wanted“ vom Album „New skin for the old“ (1964). Im ersten Titel klingt der Maultrommel-Stil durch, den man auch in der Countrymusik findet. In „Is this what you wanted“ hält sich die Maultrommel wieder nah an der Bass-Linie und funktioniert wie ein Kommentar zur Strophe.

     

    #3 Über „Guns of Brixton“ von The Clash und ihrem 1979er Album „London Calling“ müssen keine Worte mehr verloren werden. Legendär.

     

    #2 Ein spiritueller und gleichzeitig avantgardistischer Zugang zum Maultrommel spielen, findet sich in den künstlerischen Arbeiten von Sainko Namtchylak aus Tuwa. Unsere Hörempfehlung ist „Tuva Blues“ vom Album „Stepmother City“ (2001). Tuwanische Tradition und kontemporäre Elemente vermischen sich in dem Stück fast symbiotisch.

     

    #1 Platz Nummer 1 der #amazingjawharpmusic bekommt Meredith Monk für ihr Solostück „Jew´s Harp“. Aufgenommen wurde es 1979 mit dem Album „Songs from the Hill“. Die US-amerikanische Sängerin, Komponistin und Choreographin benutzt die Maultrommel als ganz persönliches Ausdrucksmittel. Das Stück denkt konsequent ein Experimentieren mit Stimme und Körperakustik weiter.

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