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Der DAN MOI Blog ♫

In unserem Blog schreiben wir über uns, über Maultrommeln und andere Instrumente, über Veranstaltungen und Künstler, die mit unseren Instrumenten zu tun haben.

  • „Mein guter Freund seit 56 Jahren.“ Spiridon Shishigin war zu Gast in Leipzig

    An einer dünnen, geflochtenen Kordel baumelt eine jakutische Maultrommel um den Hals von Spiridon Shishigin. Sie ist in einem Holzkästchen gebettet. Die Maultrommel fällt ins Auge, denn sie ist mit einer großen 65“ verziert. „Diese Khomus“, sagt Spiridon Shishigin, nachdem er das erste Stück auf einer anderen Maultrommel gespielt hatte, „ist ein Geschenk meiner Freunde zu meinem 65. Geburtstag. Das war letztes Jahr. Jetzt bin ich 66 Jahre alt. Ich spiele seit ich fünf bin. Die Khomus ist also seit 56 Jahren mein guter Freund.“ Er spricht vorsichtig, mit gedämpfter Stimme. Er schmunzelt, nimmt dann die geschätzte Maultrommel in beide Hände, hebt sie vor den Mund, hält inne, schnauft, läßt sie einen Moment vor seine Brust sinken, als wolle er durch diese Bewegung seinen Worten Nachdruck verleihen und setzt das Jubiläumsinstrument schließlich zwischen die Lippen.

    Am 15. Februar besuchte Spiridon Shishigin den Projektladen „Sinn und Sein“ in Leipzig. Um ein Konzert des weltweit berühmten Maultrommelvirtuosen aus Jakutien zu hören, kamen etwa 30 Fans und Gäste aus der ganzen Region. Hier, wo sich auch die Organisator_innen des Ancient Trance Festivals zur Planung treffen, liegt an diesem Winterabend ein Duft von indischem Chai in der Luft. Farbige Lichter bilden die Kulisse für den warmen Klang aus dem ewigen Eis und den langen Wintern. „Ich komme aus Sibirien und spiele für Euch ‚die Tundra’ auf meiner Maultrommel“, sagt Spiridon Shishigin und greift eines der ehrwürdigen Elemente der jakutischen Maultrommelkunst auf, das Klang und Schwingung unmittelbar mit Natur und Landschaft in Beziehung setzt: die Improvisation.

    „Ich spiele ‚die Tundra‘ für Euch, aber ich muss Euch sagen, ich war noch nie dort. Die Reise in die Tundra dauert viel länger, als eine Reise nach Berlin. Mit dem Flugzeug bin ich in neun Stunden in Berlin. Wenn ich in die Tundra reisen will, dann muss ich fliegen und noch stundenlang mit dem Auto fahren. Deshalb war ich noch nie da.“ Der beständige Wind der Tundra brauste durch Leipzig, zum Leben erweckt, durch die jakutische Maultrommel Khomus. Ein „Kuckuck“ rief aus der Kehle Shishigins den baldigen Frühling aus. Melodien bahnten sich ihren Weg und zeichneten eine karge, endlose Steppe im Norden Russlands.

    Spiridon Shishigin beim Konzert im Projektladen Sinn und Sein in Leipzig

    Spiridon Shishigin beim Konzert im Projektladen "Sinn und Sein" in Leipzig

    Dass Shishigin in Leipzig zu hören war, ist der Freundschaft mit Clemens Voigt von DAN MOI zu verdanken. Die beiden kennen sich seit 13 Jahren und spielten an diesem Abend auch ein Maultrommelduett für das Publikum. Allen, die die Gelegenheit verpasst haben Spiridon Shishigin live zu erleben, sei in Aussicht gestellt: Der Meister hat einen guten Grund in Zukunft häufiger nach Leipzig zu kommen, denn seit kurzem lebt die Familie seiner Tochter in Delitzsch.

  • Vargan, Khomus und Kubyz – Die russische Maultrommellandschaft ist in Bewegung

    Russland ist ein Land mit einer ganzen Handvoll Maultrommeltraditionen: in Jakutien, im Altai und in Tuva wird die Khomus (o.a. Komus) gespielt, in Baschkortostan die Kubyz und im westlichen Russland und in den großen Städten wie Moskau und St. Petersburg hört man den Namen Vargan. Die unterschiedlichen Bezeichnungen geben bereits einen Hinweis auf die verschiedenen kulturellen Verknüpfungen des Instruments. Seit den 2000er Jahren erinnern sich immer mehr Menschen wieder an die Instrumente, nachdem Maultrommeln über viele Jahrzehnte vergessen worden waren. Mittlerweile beschäftigen sich in Russland mehrere hundert Menschen eingehend mit dem Instrument und es dürften Tausende sein, die eine Vargan, Khomus oder Kubyz zumindest einmal in der Hand gehalten haben. Hinzu kommen zahlreiche neue Maultrommelschmiede, die ausgezeichnete Instrumente herstellen. Grund genug für einen intensiveren Blick auf die russische Szene.

    Die Vargan in Westrussland

    Vargan MaultrommelDie Maultrommel wurde in Russland noch bis vor kurzem überwiegend mit Sibirien assoziiert. Die Jakuten sind in ganz Russland für ihre virtuose Maultrommelkunst bekannt. Aber auch in Zentral- und Nordwestrussland waren einst viele Maultrommeln im Umlauf. Bisher weiß man relativ wenig über die Geschichte der Maultrommel im Westen des riesigen Landes. Im Russischen Kaiserreich wurden Maultrommeln hergestellt und auch exportiert. Bei Ausgrabungen fanden Archäologen Maultrommeln, die bis ins 9. Jahrhundert zurückdatiert werden konnten. Michael Wright hat eine eindrucksvolle Karte zusammengestellt, auf der sogar einige noch frühere Fundstellen verzeichnet sind. Eine Karte von Aksenty Beskrovny weißt ebenso auf konkrete Fundorte im Westen Russlands, in der Ukraine und in Weißrussland hin. Die Vargan geriet im 19. Jahrhundert (wie auch in vielen anderen Regionen in Europas) in Vergessenheit. Die Szene derer, die das Instrument nun neu entdecken, wächst stetig. Mit Olga Prass, Irina Bogatyrev, Natalia Ducheva, Aksenty Beskrovny oder Vladimir Markov sind nur einige wenige spannende Musikerinnen bzw. Musiker genannt.

    Die Kubyz in Baschkortostan

    Maultrommelpistole von Robert Zagretdinov

    Maultrommelpistole von Robert Zagretdinov

    In Baschkortostan gehört die Maultrommel gemeinsam mit der Flöte Kuraj (oder auch Quray) zu den traditionellen Musikinstrumenten des Landes. Die Kubyz wird an Musikschulen unterrichtet und es finden regelmäßig Wettbewerbe statt, bei denen mehrere Hundert Spielerinnen und Spieler antreten. Nachdem die Kubyz in der Sowjetunion nahezu in Vergessenheit geraten war und nur noch von wenigen Musikern gespielt wurde, hat sich das Instrument inzwischen einen äußerst guten Ruf in der baschkirischen Gesellschaft erarbeitet. Die Kubyz wird heute überwiegend auf der Bühne gespielt, in der Vergangenheit jedoch war die Maultrommel in Baschkortostan vor allem ein Instrument, das von Schamanen während der Zeremonien benutzt wurde. Zu den überregional bekanntesten Spezialisten gehört Mindigafur Zainetdinov.

    Die Vargan im Altai-Gebirge

    Vargan Maultrommel aus dem AltaiIm Altai-Gebirge gibt es die Legende der Bären-Maultrommel. Sie erzählt die Geschichte eines Jägers, der auf der Jagd einen Bären dabei beobachtet, wie dieser am Holzspan einer vom Blitz gespaltenen Lärche zupft. Das Holz der Lärche war trocken und der Korpus des Baumes hatte eine gute Resonanz. Der Jäger mochte den Klang, den der Bär mit dem geborstenen Holz erzeugte. Er ließ nicht nur den Bären leben, er fertigte sich selbst eine Maultrommel an. Seitdem werden im Altai Maultrommeln hergestellt.

    Das Maultrommelspielen hat bei vielen Turkvölkern Zentralasiens und so auch im Altai-Gebirge eine lange Tradition. Wie in Jakutien ist die Khomus ein Instrument der Frauen. Sie sollen die Maultrommel z.B. beim Melken gespielt haben, damit die Kuh mehr Milch gibt. Die räumliche Nähe von Jakutien und dem Altai (und auch mit Tuva) hört und sieht man dem Maultrommelspiel an. Während man beim älteren Stil im Altai lediglich den Zeigefinger bewegt, um die Maultrommel anzuzupfen, kreist die Hand tänzerisch beim Spielen nach der klassischen Technik. Ganz ähnlich wie in Jakutien und Tuva kombinieren die Musiker den Klang der Maultrommel mit Stimmlauten.

    Die Khomus in Jakutien

    Khomus Maultrommeln aus Jakutien bei DAN MOIDie Maultrommelmusik aus Jakutien ist heute für Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt eine wichtige Referenz. Die absolut magischen Klänge der jakutischen Maultrommelkunst verbinden eine präzise Spieltechnik mit kunstvollen Bewegungen, die Imitation von Naturstimmen wir das Wiehern der Pferde oder das Plätschern der Regentropfen. Das Besondere ist, dass in Jakutien die Stimme während des Maultrommelspielens bewusst eingesetzt wird. Diese Technik beherrschen die Jakuten bis zur Perfektion.

    Die Maultrommel, Khomus, ist das Nationalinstrument Jakutiens und wird nicht zuletzt deshalb breit gefördert. Es gibt in Jakutsk ein Maultrommelmuseum, zahlreiche Konzerte und mehrere Programme, die das Maultrommelspielen verbreiten. Eine der überregional bekanntesten Gruppen heißen Ayarkhaan. Aber man findet in Jakutien sehr viele, zum Teil auch sehr junge, virtuose Spielerinnen und Spieler. Hören kann man diese u.a. auf den regionalen Wettbewerben.

    Die Khomus in Tuva

    Die Region Tuva ist in erster Linie für ihre Obertonsängerinnen und -sänger bekannt. Jedoch wird auch dort Maultrommel gespielt. Obertongesang und Maultrommelklang werden miteinander verschmolzen. Es entsteht so ein unverwechselbarer Stil.

    In Tuva erzählt eine Legende wie die Maultrommel zum Symbol der Liebe zwischen zwei Menschen geworden ist: Einst waren ein Schmied und ein Mädchen ineinander verliebt. Das Mädchen wurde von ihrem Vater gezwungen einen anderen Mann zu heiraten, weil der mehr Geld besaß. Der Schmied litt unter dieser Trennung so sehr, dass er eine Khomus schmiedete und fortan immerzu darauf spielte. Er hörte sogar auf zu essen und zu trinken, er spielte nur noch Maultrommel, um seine Traurigkeit zu vergessen. Dennoch stürzte sich der Schmied eines Tages in seinem Kummer von einer Klippe. Als das Mädchen dies erfuhr, folgte sie ihm in den Tod. Von den beiden blieb nur die Maultrommel übrig, die der Schmied mit seinem gebrochenen Herzen hergestellt hatte.

    Dass die russische Maultrommel-Szene in Bewegung ist, dürfte durch das aktuelle Vorhaben unterstrichen werden, 2017 den Kongress der International Jew´s Harp Society in Moskau auszurichten. Wer mehr über die Geschichte der russischen Maultrommeln lesen möchte und des Russischen mächtig ist, dem sei ein Blick auf den Artikel des Moskauer Maultrommelfachmanns und Musikers Aksenty Beskrovny empfohlen.

    Zum Hören haben wir im Shop von DAN MOI eine Auswahl an CDs mit  Khomus-Maultrommeln und eine Vargan-CD im Angebot.

  • Von der Kou Xian in Südwest-China zum Taschensynthesizer bei DAN MOI

    Es sind mehr als 15 Flugstunden, 20 Stunden per Auto und weitere 5 Stunden zu Fuß bis man aus Mitteleuropa in den Bergdörfern Südwestchinas angelangt. Oben in den über 2000 Meter hohen Bergen, wo die Reisterrassen von dichten Wolkenschwaden eingehüllt werden, findet man eine Musik, die organisch und elektronisch zugleich klingt. In Yunnan und Sichuan ist das Spielen auf der Maultrommel, Kou Xian, unter den Menschen der Yi-Bevölkerung weit verbreitet.

    Bittet man einen Reisbauern, der auf den Bergpfaden zwischen den Feldern unterwegs ist, eine Melodie auf einer Kou Xian zu spielen, stellt man fest, dass er den kleinen Fächern des fragilen Instruments lebendige Melodien entlockt. Auf dem Marktplatz einer südwestchinesischen Stadt, führt das gleiche Experiment zu dem gleichen Erfolg: Menschen werden durch den Klang der Maultrommeln angelockt und spielen sie mit Leichtigkeit. Für viele Yi ist das Spielen der Maultrommel fast so selbstverständlich, wie das Sprechen.

    Die Kou Xian wird von der chinesischen Minderheit Yi gespielt

    Diese Episode aus dem Dokumentarfilm "Masters of the Yi Mouth Harp" des chinesischen Ethnologen Yi Wu und des amerikanischen Musikethnologen und Ostasienspezialisten Jonathan Richter verrät bereits viel über den Charakter der Maultrommel und den Stellenwert von Musik im Volk der Yi. Die Yi sind eine von 55 Minderheiten, die neben der mehrheitlichen Han-Bevölkerung in China leben. Mit knapp acht Millionen Menschen zählen sie zu den größten ethnischen Gruppen Chinas. Sie sprechen ihre eigene Sprache und repräsentieren durch ihre Kleidung und ihre Musik eine atemberaubende Kultur. Die meisten Yi leben in entlegenen, schwer zugänglichen Dörfern, die zum Teil zwar über Strom, aber nur über instabile Telefonverbindungen verfügen. Sie pflanzen Reis, Tabak und Getreide an, züchten Schweine, Hühner und Büffel. Viele dieser Menschen, vor allem die älteren Generationen, sind nie zur Schule gegangen.

    Die Musik der Yi klingt nach den hohen Reisterrassen Südwestchinas

    Im Alltag vieler Yi spielt Musik eine zentrale Rolle. Beim Bewirtschaften der Felder und auch in ihrer Freizeit singen die Menschen mehrstimmige Lieder, spielen auf der Maultrommel oder auf zusammengerollten Tabakblättern. Es gibt nicht nur eine beeindruckende Vokaltradition, auch in der Instrumentalmusik zeigt sich ein faszinierendes Panorama musikalischen Ausdrucks. Zum Instrumentenkanon gehören neben der Maultrommel und einigen einfachen, aus Naturmaterialien gebauten Blasinstrumenten, auch verschiedene Lauten, Mundorgeln und Flöten. Die Melodien der Yi könnte man als akustisches Abbild der Berglandschaft Südwest-Chinas mit ihren hohen Reisterrassen interpretieren: wie die Terrassenfelder, so erklimmen auch die Melodien die schroffen Höhen: zwischen tiefen und hohen Klängen wechselt abrupt das Tonregister, vom schrillen Ruf zum gedankenversunkenen Murmeln.

    Die Musik der Yi ist unmittelbar mit der Landschaft verbunden, in der sie leben. Einige der Liedtexte handeln von der Arbeit in den Reisfeldern, schweifen in Gedanken hinunter in die Täler oder erinnern an den Fußmarsch ins nächste Dorf. Für alle, die sich einen Eindruck von der Instrumental- und Vokaltradition der Yi-Dörfer Südwest-Chinas verschaffen wollen, sei das BBC Feature "World Routes in China" empfohlen.

    Mit der Kou Xian entdeckt man den schönsten aller Maultrommelklänge

    Die Maultrommel ist nicht zuletzt wegen ihres fragilen Klanges das wohl persönlichste Instrument der Yi. Gespielt wird es von Männern und Frauen. Die Menschen drücken ihr Befinden mit den Instrumenten aus, ihre Sehnsucht, Heimweh, Trauer oder Freude. Auch Worte und Sprache lässt sich mit der Kou Xian verschlüsseln. So ist es möglich, dass zwei Personen mit ihren Instrumenten in einen Dialog miteinander treten. Es gibt die Kou Xian aus Bambus, populärer sind jedoch die Instrumente aus Metall. Aus einem daumengroßen, dünnen Stück Blech moduliert ein Instrumentenbauer mit Hämmerchen und Messern ein klangvolles Musikinstrument. Die Zunge wird aus dem Blech herausgeschnitten, ihre Kanten mit einer Feile geglättet. Durch das Abtragen von Metallschichten am oberen Ende der Maultrommel mit einem Messer, wird die Tonhöhe justiert. Hauchdünn ist der Abstand mit dem die bewegliche Metallzunge am Korpus des Instruments vorbeischwirrt. Die Yi befestigen mehrere dieser Instrumente am unteren Ende miteinander. So lassen sie sich auf- und zuziehen wie ein Fächer. Jede der einzelnen Maultrommeln ist auf einen anderen Grundton gestimmt und vereinfacht so das Spielen von Melodien. Durch die Kombination mehrerer Zungen entsteht das für die Kou Xian so typische Klangspektrum, das viele Maultrommelspieler für den schönsten Maultrommelklang überhaupt halten.

    Kou Xian Maultrommeln bei DAN MOI

    Die Kou Xian als Taschensynthesizer

    Führt man dieses bearbeitete Stück Metall nun an die Lippen seines Mundes und zupft an den beweglichen Zungen, entstehen durch die Verformung der Mundhöhle, der Zunge und des Gaumens Klänge, die manchmal als kosmisch, überirdisch oder gar elektrisierend beschrieben werden. Das Ohr, das einen Synthesizer gehört hat, wird sich unweigerlich an die Frequenz- bzw. Grundtonmodulationen erinnern, die man an den analogen Instrumenten mit Knöpfchen und Reglern generieren kann. So ist die Analogie zwischen der Kou Xian und dem Synthesizer gar nicht so weit hergeholt und unter Maultrommelexperten schon öfter formuliert worden. Die Maultrommel ist in diesem Sinne ein organischer Synthesizer, klein und transportabel: ein Taschensynthesizer eben.

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