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Der DAN MOI Blog ♫

In unserem Blog schreiben wir über uns, über Maultrommeln und andere Instrumente, über Veranstaltungen und Künstler, die mit unseren Instrumenten zu tun haben.

  • „A crazy voyage“ mit dem ungarischen Maultrommelvirtuosen Áron Szilágyi

    Keine 100 Kilometer südlich von Budapest liegt die Stadt Kecskemét. Kecskemét kann sich mit seinem Musikpädadogischen Institut rühmen, das nach dem ungarischen Komponisten, Musikethnologen und Sohn der Stadt Zoltán Kodály benannt wurde. Kecskemét ist aber auch die ungarische Stadt der Musikinstrumente und im Speziellen ist sie die Stadt der Maultrommeln. Denn dort leben Áron Szilágyi und sein Vater Zoltán Szilágyi, zwei der wichtigsten Protagonisten in der europäischen Maultrommelszene. Helen Hahmann traf Áron Szilágyi im Sommer 2016 in Taucha bei Leipzig.

    Áron Szilágyi auf dem Ancient Trance Festival 2014 in Taucha.

    Mir ist es wirklich wichtig, bei den Menschen Interesse für die Maultrommel zu wecken“, erzählt Áron Szilágyi. Áron ist seit gut 20 Jahren als Musiker, Trainer und Initiator von Projekten rund um die Maultrommel weltweit unterwegs. Als Leiter des Leskowsky Musikinstrumentenmuseums in Kecskemét, dem einzigen Musikinstrumentenmuseum in Ungarn, öffnet er Menschen ganz niedrigschwellig den Zugang zu Musik und zur Maultrommel: „Meine Kollegen und ich gehen in die Schulen und geben Workshops. Das ist eine sehr große Mission für mich. Durch unsere Arbeit werden Kinder und Jugendliche von einem intuitiven Instrument wie der Maultrommel angesteckt und können lernen darauf zu spielen, ohne dafür in eine Musikschule zu gehen. Sie können es einfach ausprobieren und selbst erforschen.

    Áron Szilágyi spielt jedes Jahre unzählige Konzerte. Solo, früher mit dem Trio „Airtists“ und heute mit „Zoord“. „Durch unsere Konzerte werden so viele Menschen auf die Maultrommel aufmerksam. Sie hören, was wir mit diesen kleinen Instrumenten machen und werden sofort neugierig. Manche wollen es danach selbst ausprobieren und beginnen zu spielen.“ Eine Gelegenheit die Maultrommel in die Öffentlichkeit zu führen, ist Árons ganz eigene „Global Vibes“-Maultrommel-Party, die immer zum Ende eines Jahres in Kecskemét stattfindet. „Da kommen eine Menge verrückter Leute zusammen, die das Jahresende, aber auch die Maultrommel feiern: Schamanen, Rockmusiker, Techno-DJs, Folktänzer. Es kommen um die 500 Leute und natürlich sind nicht alle an der Maultrommel interessiert, aber durch so ein Erlebnis nehmen sie dieses bemerkenswerte Instrument zur Kenntnis und wir stecken sie vielleicht mit unserer Begeisterung dafür an.

    Áron spielt Maultrommel seit er drei Jahre alt ist. Er wuchs in einer Umgebung auf, in der er ständig von den Instrumenten umgeben war, denn sein Vater Zoltán Szilágyi ist einer der bekanntesten und besten Maultrommelschmiede, den es auf der Welt gibt. Er baut schon seit 40 Jahren Maultrommeln. Als Zoltan Szilágyi diesen speziellen Sound das erste Mal im Radio hörte, war er so sehr davon begeistert, dass er ein Instrument bauen wollte, das genauso klang. Eine Maultrommel hatte er bis dahin noch nie gesehen und auch die ersten Instrumente baute er ohne Vorlage. Er probierte sehr lange verschiedene Varianten aus und baute hunderte Instrumente, bevor er das erste Mal eine andere Maultrommel zu Gesicht bekam. Er habe damals alles stehen und liegen lassen und sich nur noch mit dem Bau von Maultrommeln beschäftigt, erzählt sein Sohn Áron. Der ungarische Begriff für die Instrumente ist Doromb.

    Zoltán Szilágyi war auf der Suche nach dem perfekten Klang. Irgendwann kaufte jemand eine seiner Maultrommeln und er begann sie auch auf Märkten in ganz Ungarn anzubieten. Durch die Folklorebewegung sind damals viele Leute aus den Städten aufs Land gereist, um die traditionellen Tänze zu lernen und sie in der Stadt zu lehren. In diesem Zusammenhang entwickelte sich auch ein großes Interesse an der Maultrommel und Zoltán Szilágyi verkaufte viele seiner Instrumente. Sie unterschieden sich zu anderen Maultrommeln, weil sie handgemacht und von sehr hoher Qualität waren. Als dann die Mauer fiel, wurde seine Arbeit auch außerhalb Ungarns bekannt. Heute baut Zoltan über 80 verschiedene Maultrommeltypen, die alle einen anderen Klangcharakter haben. Zoltáns Instrumente begründen sich nicht auf einer Tradition des Maultrommelschmiedens in Ungarn. Vielmehr folgt sein Ansatz dem Anspruch, einen künstlerischen Umgang mit dem Instrument zu ermöglichen und jede erdenkliche Klangfarbe auszureizen.

    Doromb Blackfire aus der Werkstatt von Zoltán Szilágyi (Ungarn).

    Zoltáns Sohn Áron kennt jeden Handgriff beim Maultrommelschmieden, überlässt das Handwerk aber seinem Vater. Er selbst fertigt Maultrommelkästchen und -schatullen aus Holz an. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Musik. Es sei allerdings keineswegs selbstverständlich gewesen, dass Áron sein Leben wie sein Vater der Maultrommel widmen würde. „Als ich 16 war, suchte ich wie alle Teenager nach etwas, mit dem ich mich ausdrücken konnte. Ich sah, wie Leute aus der ganzen Welt zu uns nach Hause kamen, um meinen Vater zu besuchen. Ich betrachtete unsere Gäste und dachte, sie sind frei, müssen nicht arbeiten, sie reisen durch die ganze Welt und sie sind echt cool – und sie haben etwas gemeinsam: die Maultrommel. Das gefiel mir, also überlegte ich, Maultrommelprofi zu werden. Dafür musste ich mich nicht mal von zu Hause wegbewegen, ich musst nur ins Wohnzimmer gehen, denn die Maultrommelspieler, die uns besuchten waren die besten in der Welt und von ihnen konnte ich lernen, u.a. von Spiridon Shishigin, Anton Bruhin oder Frederik Crane, all die legendären Spieler aus der ganzen Welt. Mit etwa 18 begann ich immer mehr zu spielen und mit Anfang 20 hatte ich meine eigenen Bands, begann zu touren, spielte Konzerte und gab Workshops. Und so lebe ich bis heute.

    Die Begegnungen mit Maultrommelspielern im heimischen Wohnzimmer waren es auch, die Áron zum Vorbild wurden und seinen Stil mitprägten. Er sagt, auch die Instrumente selbst haben einen großen Einfluss auf seine Spielweise gehabt, schließlich hatte er sein Leben lang das Glück ausschließlich auf exzellenten Instrumenten spielen zu können. Dennoch, „den einen, für mich speziellen Stil Maultrommel zu spielen, will ich eigentlich gar nicht definieren, denn ich mache sehr verschiedene Sachen auf den Instrumenten. Angezogen fühle ich mich von einer instinktiven, obertonreichen, rhythmischen Spielweise. Ich habe viele Anschlags- und Atemtechniken gelernt und wende sie beim Spielen auch an. Die Leute sagen mir, dass mein Stil auf sie besonders kraftvoll, stark und dynamisch wirkt, das mag u.a. daran liegen, dass ich wirklich sehr laut spielen kann.

    Áron Szilágyi spielt auf den Maultrommeln seines Vaters. Nicht etwa aus Loyalität, wie er anmerkt, sondern weil er mit genau diesen Instrumenten am besten zurecht komme: „Am liebsten spiele ich die Blackfire-Maultrommeln, weil sie für alle möglichen Spieltechniken gut funktionieren. Sie liegen mir gut in der Hand, ich kenne sie in- und auswendig. Sie sind einfach perfekt für mich.

    Wie Áron auf der Maultrommel klingt, hört man am besten auf einer Aufnahme mit seiner Gruppe Zoord, die 2016 eine CD veröffentlicht haben, auf der sie traditionelle Melodien der Tschangos aus Siebenbürgen neu interpretiert werden. Von den Liedern soll es in Kürze auch ein Remix-Album geben, auf dem World Music-Produzenten und -DJs ihre Songs remixen. Auch ein Soloalbum von Áron ist in Arbeit, von dem er verspricht: es ist ziemlich experimentell, „a crazy voyage“.

  • Wie die Maultrommel in Großbritannien und Irland zur Ware wurde

    „Die Schotten und die Iren integrierten die Maultrommel in ihre Musikkultur, die Engländer nicht.“ (106), schreibt Michael Wright in seinem 2015 erschienen Buch über die Maultrommel in Großbritannien und Irland. Obwohl die Engländer selbst nicht besonders häufig Maultrommel spielten, so war es doch England, das seit spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts einer der größten Maultrommelproduzenten und -exporteure Europas wurde. In einem detailreichen Buch über die britische und die irische Jews-Harp trägt der Maultrommelfachmann Michael Wright wichtige Daten zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte dieser weit verbreiteten Instrumente bei. Auf welchen Handelswegen gelangte die Maultrommel nach England und wer kaufte sie? Warum wurde Birmingham zum Zentrum der Maultrommelfabrikation? Wer baute die Instrumente? Warum heißt die Maultrommel im Englischen Jews-Harp? Das Buch ist eine Empfehlung für Maultrommel-Liebhaber, -Einsteiger, aber auch für -Experten. Es liefert die Grundlagen zum Instrument, deckt zahlreiche Zusammenhänge mit der Geschichte der Maultrommel in Europa auf und lädt ein zum Stöbern in den unzähligen Referenzen aus Archiven zur Kultur des Instruments und seiner Darstellung in Kunst, Architektur und Presse.

    Michael Wrigh Die Maultrommel in Großbritannien und Irland

    Obwohl die Musik inhaltlich nicht im Vordergrund steht in Michael Wrights „The Jews-Harp in Britain und Ireland“, so ist es doch möglich sich zunächst ein Bild zu machen, von der Musik mit der britischen und irischen Maultrommel. Wrights Buch stellt dafür Aufnahmen auf einer Begleit-CD zur Verfügung, die alle von der Familie Wright stammen, jener Familie, die in den vergangenen über 50 Jahren die Maultrommel am nachdrücklichsten protegiert. Die Einspielungen sind aus den Jahren 2008 bis 2015. Auf einigen Aufnahmen ist auch der legendäre John Wright, Michaels Bruder, zu hören. Eindruck macht vor allem das letzte Stück auf der CD (Nr. 17): Banish Misfortune. Es ist das erste Stück, das John Wright seinen Brüdern 1968 beigebracht hat. Der dreistimmig gespielte Jig aus Irland entfaltet einen breiten Klangteppich und deckt das ganze Spektrum der Instrumente ab. Es ist ein Paradebeispiel für mehrstimmiges Maultrommelspiel.

    Das Buch ist in drei Teile mit jeweils drei Kapiteln gegliedert. Alle Grundlagen zur Herkunft, zum Namen und zu bereits erschienener Literatur fasst Teil eins zusammen. Die Jews-Harp als Wirtschaftsgut mit Händlern, Maultrommelschmieden und Abnehmern in Übersee stellt der zweite Teil des Buches ausführlich dar. Teil drei ist eine Sammlung von zahlreichen Quellen und Referenzen zur Maultrommel in Kunst und Kultur verschiedener Epochen.

    Teil 1: Basics

    Wie entsteht ein Ton bei der Maultrommel, mit welchen Spieltechniken kann man den Klang beeinflussen, wie wir das Instrument in alten Lexika definiert und welche Literatur gibt es schon? Das erste Kapitel mit dem Titel „Theorists“ geht auf die Basics ein. Gleich zu Beginn wirft Wright eine Fragestellung auf, die aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert wird: handelt es sich bei der Maultrommel um ein „Zupf-Idiophone“, wie es die Musikwissenschaftler Hornbostel und Sachs in ihrer Klassifikation festlegten, oder ist die Maultrommel ein Aerophon wie der Maultrommel-Experte Frederick Crane vorschlug, weil die Töne durch Luftwirbel entstehen und nicht das Material der Maultrommel zum klingen gebracht wird.

    Teil 2: Eine Handelsgeschichte der Maultrommel

    Im zweiten Kapitel schließt sofort der nächste Diskurs an. Welchen Ursprung hat die Maultrommel? Da sich Expert_innen und Wissenschaftler_innen bisher auf keine gemeinsame Theorie einigen konnten, entschließt Michael Wright sich dazu, das zusammenzutragen, was durch archäologische Funde bewiesen werden kann. Er argumentiert über die Funktion der Instrumente in der Geschichte. Während Maultrommeln in Sibirien eine spirituelle Bedeutung hatten (und noch heute haben), belegt Wright, dass sie auf dem Gebiet des heutigen Großbritannien und Irland für relativ arme Leute erschwingliche Instrumente darstellten. Wright wertet die archäologischen Funde und Erkenntnisse umfassend aus. Er bezieht dabei vor allem die Forschungen von dem Archäologen Gjermund Kolltveit ein. Sie belegen, dass die Maultrommeln schon im 15. Jahrhundert ein Massenartikel waren. Diese Erkenntnis wird im zweiten Teil des Buches im Detail untersucht.

    Ein für den englisch-sprachigen Raum wichtiger Diskurs wird im dritten Kapitel untersucht. Er dreht sich um die Herkunft und die Verwendung des Begriffs Jews-Harp. Wright durchforschte über 3000 Zeitungen, Zeitschriften, Handelsdokumente und Wörterbücher, um herauszufinden, in welchen Zeiten das Wort wie oft verwendet wurde. Mit Hilfe dieser Quellen zeichnet er die Geschichte des Wortes Jews-Harp nach. Er zeigt, dass verschiedene Termini in Umlauf waren, wie Gewgaw, juice harp oder Jewes harp. Wright stimmt zu, dass man die These in Betracht ziehen muss, eine Vielzahl dieser Worte könnte aus Missverständnissen herrühren, z.B. dass die Worte so aufgeschrieben wurden, wie man sie hörte. Dennoch könne man nur spekulieren – Wright schreibt, es habe viele Versuche gegeben, zu belegen, wie Jews-Harp zum allgemeinen Namen des Instruments wurde. Manche Argumentationen seien verworren und andere einfach lächerlich (40).

    Eine sehr detailliert zusammengetragene Übersicht ist der Abschnitt „The Jewish Connection“. Sie erlaubt es dem Leser sich ein Bild davon zu machen, warum der Begriff Jews-Harp heutzutage kritisch betrachtetet, z.T. bereits vermieden wird. Da das Instrument keinerlei historische Verbindung zur jüdischen Kultur hat und der Begriff schon Ende des 19. Jahrhunderts in antisemitischen oder wenigstens abwertenden Zusammenhängen benutzt wurde, sprechen heute einige Maultrommelfans im englischsprachigen Raum immer häufiger von „mouth harp“ oder „jaw harp“. Wenn man wegen der Bekanntheit des Begriffs schon bei „Jews-Harp“ bleibe, dann, so plädiert Wright, solle man das Wort ohne Apostroph schreiben, also einen Eigennamen kreieren, der im Schriftbild nicht mehr die Assoziation „harp of the jews“ zulässt. Konsequent nutzt Wright in seinem Buch deshalb das Wort Jews-Harp ohne Apostroph und mit Bindestrich.

    Maultrommeln als Ware, „Commercial Exploitation“, heißt der zweite Teil des Buches. Warum wurde die Maultrommel schon im 13. Jahrhundert populär? Michael Wright präsentiert Quellen, die belegen, dass schon sehr früh Maultrommeln in größerer Stückzahl aus den Niederlanden nach England importiert wurden. „Es gibt keine Belege dafür, dass die Maultrommel damals irgendeinen rituellen oder sozialen Status hatte und sie hatte auch keinen besonders großen finanziellen Wert, und dennoch ist sicher, dass sie seit dem 13. Jh. in beachtlichen Mengen von einem Land ins andere verschifft wurden.“ (S. 32) Folgt man den Untersuchungen von Michael Wright, steht dieser durch zahlreiche Dokumente belegte Warenfluss in Zusammenhang mit dem von Historikern als „Kommerzielle Revolution“ bezeichneten wirtschaftlichen Aufschwung im 12. und 13. Jahrhundert. Die Maultrommel wurde in England zum Importgegenstand. Ihr geringer Preis scheint ein Indiz dafür zu sein, dass sich auch ärmere Menschen dieses Musikinstrument leisten konnten. Offen bleiben muss die Frage, wo in Europa diese Maultrommeln hergestellt wurden, denn der Hinweis auf eine Stätte für die Produktion größerer Mengen vor dem 17. Jahrhundert fehlt bisher. Klar ist nur, dass viele Instrumente auf Schiffen aus den Nord- und Ostseehäfen nach England gelangen.

    Die großen Maultrommelzentren Boccorio in Italien und Molln in Österreich können ihre Maultrommelschmiedegeschichte lediglich bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückverfolgen (64). Und auch in Großbritannien begann man mit der Herstellung etwa um die gleiche Zeit. England hatte seine ersten, eigenen „trump-maker“ seit dem frühen 17. Jahrhundert. Im späten 17. Jahrhundert fertigten Familien in den West Midlands, also in der Region um Birmingham, Maultrommeln an. Michael Wright beschreibt in seinem Buch, wie Birmingham zu einem der größten Maultrommelproduzenten Europas wurde. Das kleine Instrument als Massenware: im Kapitel fünf über die Maultrommelschmiede in Großbritannien und Irland zeigt Wright, dass schon im 19. Jahrhundert Maultrommeln in verschiedenen Qualitäten hergestellt wurden, d.h. dass die Instrumente eine Preisspanne hatten. Es gab nach wie vor Maultrommeln für ein paar Pennys zu kaufen, inzwischen aber auch immer häufiger etwas teurere Instrumente (83). Einige Familien vererbten das Handwerk, wie Wright zeigt, über viele Generationen weiter. In Kapitel sechs wird beschrieben, wie ihre Maultrommeln in großen Mengen nach Nordamerika, Australien, Neuseeland und Südafrika verschifft wurden. Viele Instrumente verblieben auch in Schottland und Irland. Dort war die Jews-Harp bei vielen Leuten ein beliebtes Instrument (105).

    Teil 3: Referenzen

    Teil drei des Buches ist die Arbeit eines Sammlers. Michael Wright trägt in den Kapiteln sieben und acht Verweise auf historische und aktuelle Darstellungen der Maultrommel in Kunst, Architektur und Medien zusammen. Diese Kapitel sind zum Stöbern, Staunen und Entdecken. Die Leser_innen finden Karikaturen, Abbildungen von Gemälden und Gedichte. Eine kurzweiliges und unterhaltsame Lektüre, die Spaß macht und die verspielte, humoristische Seite der Maultrommel betont. Das letzte Kapitel ist britischen und irischen Maultrommelspielern gewidmet. Kurios die Erinnerungen an Maultrommelspieler, die als Diebe und Mörder zum Tode verurteilt wurden. Erinnerungswürdig die Geschichte von Geillis Duncan, die auf ihrer Maultrommel auch für den König gespielt hatte, bevor sie 1590 mit dem Vorwurf der „Hexerei“ hingerichtet wurde.

    Wenn man all die Geschichten gelesen hat, dann wünscht man sich, einige historische Jews-Harp-Momente mit eigenen Ohren hören zu können. Soweit bekannt ist, stammt die älteste Aufnahme mit einer Maultrommel aus dem Jahr 1933 (176). Sie wurde im Lied „I took my harp to a Party“ gespielt. Weiterführend verweist Michael Wright am Schluss auf einige Einspielungen mit Maultrommeln. Auch eine Aufzählung von Liedern aus der Popularmusik, die die Jews-Harp verwenden, folgt. Der Abschnitt über die neue Generation an Maultrommelspieler_innen, die Präsenz der Maultrommel im Internet und der Ausblick in die Zukunft bleiben sehr fragmentarisch. (Kino, Radio und Fernsehen S. 173).

    Von dem Buch gehen zahlreiche anregende Impulse aus. Am stärksten wirkt die Aufarbeitung der Maultrommel in Großbritannien und Irland als Ware und wirtschaftliches Gut. Wright zeigt anschaulich und mit umfangreichen Belegen, wie die Instrumente von einem Importartikel im 13. Jahrhundert zu einem Exportgut im England des 18. Jahrhunderts wurden. Leider lassen sich kaum genauere Aussagen treffen, zu welchen Gelegenheiten und von welchen Menschen genau die Jews-Harp im 13. Jahrhundert gespielt wurde. Hier fehlt es an Quellenmaterial. Wieder müssen wir davon ausgehen, dass die Maultrommel in jener Zeit einen niedrigen kulturellen Status zugewiesen bekam. Michael Wright zitiert den englischen Autor Samuel Pegge, der 1778 schrieb, bei dem Instrument handele es sich um nichts weiter als ein „Jungs-Spielzeug“, das weder mit der Stimme noch mit einem anderen Musikinstrument gut zusammen klang (14). Inhaltlich liegt der Fokus im Buch stärker auf Großbritannien als auf Irland. Das Buch setzt sich nicht auseinander mit der Musik selbst, also mit dem Repertoire für englische und irische Maultrommel. Erschienen ist es in englischer Sprache bei Ashgate. Als wissenschaftliche Veröffentlichung ist „The Jews-Harp in Britain und Ireland“ mit über 80 Euro leider um einiges teurer als der durchschnittliche Buchpreis.

  • Die Maultrommel-Schaltstelle in London: Jonny Cope

    Derzeit gibt es in Großbritannien nur eine wirklich kleine Zahl an Leuten, die auf hohem Niveau Maultrommel spielen oder Veranstaltungen für das Instrument organisieren, schätzt der musizierende und schmiedende Maultrommelexperte und Didgeridoo-Meister Jonny Cope aus London ein. In einem Gespräch mit Helen Hahmann von DAN MOI erzählt er, was sich für das Instrument auf der Insel in den vergangenen Jahren verändert hat, was für ihn die größte Faszination beim Spielen ist und worauf Einsteiger_innen achten sollten.

    Jonathan Cope at the Ancient Trance Festival for Jew's Harp and World Music 2014
    Jonny Cope auf dem Ancient Trance Festival 2014

    In den vergangenen 15 Jahren erfuhr die Maultrommel einen enormen Aufwind. Sie ist öffentlich wieder präsenter und wird als Musikinstrument wahrgenommen und weiterentwickelt. Weltweit entstanden Festivals, es gibt immer wieder junge, ausgezeichnete Musiker, die in der Szene auftauchen, neue Maultrommelschmiede verkaufen hochwertige Instrumente, es werden Bücher über die Maultrommel geschrieben. In England ist es die Familie Wright, die Experten auf dem Gebiet der Maultrommel sind. John Wright war bis zu seinem Tod ein gefragter Botschafter und Experte für das Instrument. Sein Bruder Michael Wright hat eben ein Buch über die Maultrommel in Großbritannien und Irland veröffentlicht. Mit Jonny Cope wirbelt seit nun schon über zehn Jahren eine weitere Schaltstelle in Sachen jews harp auf der Insel.

    Maultrommelspielen wird so ein bisschen zur Sucht für viele Spieler. Entweder man legt sie schnell wieder weg, oder man wird total abhängig davon sie zu spielen“, denn obwohl es ein ganz einfaches Instrument ist, sagt Jonny Cope, sei die Maultrommel durch die Vielzahl an Stilen unheimlich komplex. „Ein Instrument aus China ist völlig anders als ein Instrument aus Indien oder Russland. Sie haben andere Techniken und Sounds. Ich konnte mich nie für nur eine Richtung entscheiden und habe angefangen alle zu lernen. Ich bin viel rumgereist und habe von den Leuten vor Ort gelernt. Manchmal sitzt man dann Tage lang da und versucht genau diesen Klang zu imitieren. Man wird dadurch immer besser darin zu unterscheiden, wie die Töne gebildet werden, ob durch der Zunge, die Kehle, durch Luftströme oder Stimme. Ich will gar nicht unbedingt jemanden kopieren. Es geht mir mehr darum, Techniken zu teilen und in mein eigenes Spiel einzubinden.

    Obwohl Jonny Cope sagt, dass er praktisch alle Stile mag, die man mit der Maultrommel spielen kann, ist er derzeit vor allem mit der norwegischen Maultrommelkunst verbunden. Das besondere in Norwegen sei, dass man lernt eine Maultrommel so gut zu kontrollieren, dass man mit ihr Melodien spielen kann. Er schlägt eines seiner beeindruckenden Maultrommel-Etuis auf, in der verschiedenste Instrumente in Stofftaschen nebeneinander gebettet sind. Auf der Maultrommel des legendären Schmieds Bjorgulv Straume spielt er die norwegische Melodie „Fangjen“:

    Fangjen (Lied aus Norwegen). Aufgenommen auf dem Ancient Trance Festival in Taucha (2016).

    Ich war neun Jahre alt, als ein Freund von mir mit einer Maultrommel in die Schule kam. Wir wussten damals beide nicht, was das eigentlich für ein Ding war. Er wollte es loswerden. Es machte mich neugierig und ich habe es mit ihm gegen Kaugummi eingetauscht. Mein Großvater wusste dann, dass es sich um eine Maultrommel handelte und zeigte mir, wie man sie hält und einen Ton rausbekommt. Aber ich habe aber nicht lange damit gespielt, denn es war eine dieser großen englischen Maultrommeln. Die Feder schlug mir ständig gegen die Zähne, also legte ich sie recht bald zur Seite. Sie ist etwa aus dem Jahr 1940 und ich habe sie heute immer noch.“ Einige Jahre später, etwa um das Jahr 2000, hörte Jonny Cope Maultrommelmusik auf CDs und erinnerte sich an das kleine Twang-Instrument. Er kramte den Gegenstand des Tauschgeschäfts aus Kindertagen wieder hervor und entdeckte die Vielfalt der Maultrommel: dass sie in so vielen Ländern der Welt gespielt wird und klanglich erstaunlich abwechslungsreich ist. „Ich habe angefangen als Didgeridoo-Spieler. Ich war aber auch schon immer an ungewöhnlichen Sounds und Techniken interessiert, deshalb habe ich Oberton-Gesang gelernt, dann den mongolischen Khöömei. Damals hatte ich keinen Lehrer, also habe ich mir viel von CDs abgehört. Auf vielen dieser Aufnahmen aus Tuva und der Mongolei war auch Maultrommelmusik, so habe ich das Instrument wiederentdeckt.

    Wenn er ein zweites Leben hätte, gesteht Jonny Cope, würde er es wahrscheinlich als Musikethnologe verbringen. Seine Ohren seien schon immer auf außergewöhnliche Klänge geeicht gewesen. Auch wenn jemand in seiner Gegenwart pfiff oder summte spitze er schon als kleiner Junge die Ohren. „Ich würde sagen, ich bin ein Klangforscher. Ich höre nach wie vor viel Musik, die mir Freunde vorbeibringen. Einige von ihnen sind Musikethnologen. Sie bringen mir alte, seltene, manchmal auch unbeschriftete Aufnahmen. Ich höre mir diese verrückten Sachen dann an und versuche herauszufinden, was ich da eigentlich genau höre.“ Inzwischen spielt Jonny Cope nicht nur meisterlich Didgeridoo und Maultrommel, er beherrscht auch verschiedene Flöten.

    Jonathan Cope beim Ancient Trance Festival for Jew's Harp and World Music 2014
    Jonny Cope auf dem Ancient Trance Festival 2014

    Im Gespräch benutzt Jonny Cope häufig den Begriff „jaw harp“. Um das bis heute geläufigere Wort „jews harp“ habe es vor allem in Großbritannien immer Unsicherheit und Diskussionen gegeben. Bis heute existiert keine Erklärung dafür, warum die Maultrommel in England „jews harp“ genannt wurde, denn bisher ist keine Verbindung zum Leben der jüdischen Bevölkerung ersichtlich. Es gibt jedoch verschiedene Theorien, wie der Begriff nach dem Stille-Post-Prinzip gehört worden sein könnte: „In Frankreich wird manchmal gesagt ‚joue trompe‘, das heißt ‚Trompete spielen‘. Vielleicht hörte man also das Wort joue und verstand jew. Das ist aber nur eine Möglichkeit. In Schottland war lange der Begriff gewgaw in Gebrauch. Da weiß man aber nicht einmal sicher, wie das Wort genau ausgesprochen wurde. Vor ein paar Jahren erst unternahm ich eine Reise in die Südstaaten der USA. Dort habe ich jemandem meine Maultrommel gezeigt und der sagte, ‚oh yeah, a juice harp‘. Er sprach es aus wie ‚orange juice‘, Orangensaft. Da dachte ich mir, aber was soll das denn irgendwie mit der Maultrommel zu tun haben. Daran sieht man, wie Leute sich Begriffe zurecht hören.

    Birmingham in England gehörte im 18. und 19. Jahrhundert zusammen mit Molln in Österreich zu den produktivsten Gegenden für Maultrommeln in Europa. Die Instrumente aus England wurden vor allem nach Nordamerika, Australien, Neuseeland und Südafrika exportiert. Allein in der Gegend um Birmingham gab es zeitweise etwa 30 Familien, die Maultrommeln herstellten. Ende des 19. Jahrhunderts waren dort noch knapp 20 Maultrommelhersteller registriert. Die Herstellung von Maultrommeln rentierte sich jedoch immer weniger und so verkaufte der letzte englische Maultrommelschmied Sid Philip 1975 sein Geschäft an ein US-Unternehmen. Jonny Cope ist seither der Erste, der wieder begonnen hat, Maultrommeln anzufertigen: „Ich lerne das Maultrommelschmieden in Norwegen. Sie schmieden die munnharpe, Instrumente, die etwas verschieden sind zu den englischen Maultrommeln. Aber ich mag die Munnharpe und lerne dort erst mal die grundlegenden Handgriffe. Jetzt kann ich sie auch schon selbst in England herstellen. Ein Freund von mir lernt das Schmieden nun auch.“ In der Schmiede steht Jonny Cope nicht nur um an Maultrommeln zu feilen. Als Liebhaber der Alten Geschichte schmiedet er auch Speerspitzen und Schwerter.

    Wenn man wirklich Maultrommel spielen lernen will, dann ist es, glaube ich, das Wichtigste, dass man eine wirklich gute Maultrommel besitzt.“ Jonny Cope weiß wovon er spricht, denn als Workshop-Leiter hat er schon unzähligen Menschen an das Instrument herangeführt. Auf der Onlineplattform Udemy gibt es sogar einen Maultrommel-Einstiegskurs von ihm. „Es gibt einfach viele Instrumente, die gar keine gute Klangqualität haben. Sie eigenen sich um einfach mal einen Rhythmus zu spielen. Aber wer die Obertöne klar hören und Klangspektren ausprobieren will, der sollte sich ein Instrumente besorgen, das sowas kann. Ich spiele zur Zeit auf Instrumenten aus Estland, die dort Parmupill genannt werden.

    Spring (Eigenkomposition von Jonny Cope). Aufgenommen auf dem Ancient Trance Festival in Taucha (2016).

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