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Der DAN MOI Blog ♫

In unserem Blog schreiben wir über uns, über Maultrommeln und andere Instrumente, über Veranstaltungen und Künstler, die mit unseren Instrumenten zu tun haben.

  • Entspannung und Bewegung: Francois Cesari und seine Musikgeschichten für Kinder

    Ich genieße es, dass ich einer neuen Generation die unendliche Welt der Klänge aufschließen kann“, schreibt Francois Cesari in einer Email an uns. Seit 2015 unterstützt DAN MOI den französischen Maultrommelspieler und Percussionisten, der lange mit der Trance-Music-Band Goayandi unterwegs war. Sein neues Band-Projekt heißt Watt The Foxxx. Wenn Francois aber mit Begeisterung von einer neuen Generation schreibt, dann meint er Kinder im Alter von 6 Monaten bis 6 Jahren, mit denen er nun schon seit fast zwei Jahren regelmäßig Klangerlebnisse unternimmt. Auch bei dieser Mission sind die Instrumente von DAN MOI mit dabei.

    Francois Cesari beim Unterricht mit Kindern. In den Händen hält er ein Paar Zimbeln.

    Bei meiner musikpädagogischen Arbeit verbinde ich Musik und Vorstellungskraft. Mit den Kindern zusammen erfinde ich Geschichten. Wir sprechen aber nicht nur, die Tiere und Pflanzen klingen auch und werden dadurch lebendig. Wenn es z.B. um eine Schildkröte geht, spiele ich dazu die Handpan Trommel. Die Schildkröte trifft dann auf andere Tiere, die alle durch einen Klang symbolisiert werden, wie Frösche oder Vögel.“ Die Stimmung und die Einfälle der Kinder seien ganz wichtig in seinem Ansatz. Schließlich sollen die Kids Lust haben später mal selbst zu einem Musikinstrument zu greifen, oder zumindest für Musik und Klang sensibilisiert werden.

    Klang und Bewegung sind natürlich nicht voneinander entkoppelt. Francois Methode soll die Motorik der Kinder stimulieren, sie zu Bewegung und Tanz animieren. Genauso wichtig sei es, durch Klang auch Ruhe zu finden. „Die Babys werden von einigen Instrumenten sozusagen hypnotisiert. Wenn sie die Maultrommel, die Kalimba, Windspiele oder Glöckchen hören, dann werden sie ganz ruhig und entspannen sich. Mit den etwas älteren ab zwei Jahren hingegen kann man schon mehr machen. Ich benutze u.a. Glocken, Vogelstimmen, Shaker und Vibraslap. Jeder Klang bekommt einen Charakter in der Geschichte zugeordnet und eine bestimmte motorische Bewegung.

    In der französischen Trance-Musik-Band Goayandi spielte Francois Cesari u.a. Maultrommeln von DAN MOI.

    Wenn Francois mit seinem Programm in einen Kindergarten kommt, dann gehört ihm alle Aufmerksamkeit. Die Abwechslung zwischen hören, bewegen und sprechen hilft den Kindern sich zu konzentrieren. Für viele der Übungen benutzt Francois Instrumente von unserem Musikinstrumentenhandel DAN MOI. Es sei wirklich schön zu sehen, wie sensibel die Kinder vor allem auf die Effektinstrumente und die Percussion reagieren. „Eure Instrumente inspirieren die Kids zu ganz unterschiedlichen emotionalen Momenten: Die Maultrommel benutze ich manchmal wie einen Roboter. Dann lachen sie. Die Donnertrommel macht sie wach und sie fürchten sich auch etwas. Die Vogelstimmen überraschen sie und zu den Trommeln und Percussion wird am liebsten getanzt.

    Francois bei einem Konzert mit seiner alten Band Goayandi. Das neue Musikprojekt heißt Watt The Foxxx.

    Anregend und aktiv soll die musikalische Früherziehung sein, wünscht sich Francois Cesari. Mit seiner Methode hat er bereits viele gute Erfahrungen gemacht und denkt darüber nach, seinen Ansatz zu Papier zu bringen, damit auch andere Menschen ihn nutzen können. Denn, Francois Unterricht bleibt nicht nur bei den Kindern in Erinnerung. Auch die Lehrerinnen und Eltern inspiriert dieser spielerische Umgang mit Musik. Einige Übungen adaptieren sie inzwischen selbst mit den Kindern.

  • „A crazy voyage“ mit dem ungarischen Maultrommelvirtuosen Áron Szilágyi

    Keine 100 Kilometer südlich von Budapest liegt die Stadt Kecskemét. Kecskemét kann sich mit seinem Musikpädadogischen Institut rühmen, das nach dem ungarischen Komponisten, Musikethnologen und Sohn der Stadt Zoltán Kodály benannt wurde. Kecskemét ist aber auch die ungarische Stadt der Musikinstrumente und im Speziellen ist sie die Stadt der Maultrommeln. Denn dort leben Áron Szilágyi und sein Vater Zoltán Szilágyi, zwei der wichtigsten Protagonisten in der europäischen Maultrommelszene. Helen Hahmann traf Áron Szilágyi im Sommer 2016 in Taucha bei Leipzig.

    Áron Szilágyi auf dem Ancient Trance Festival 2014 in Taucha.

    Mir ist es wirklich wichtig, bei den Menschen Interesse für die Maultrommel zu wecken“, erzählt Áron Szilágyi. Áron ist seit gut 20 Jahren als Musiker, Trainer und Initiator von Projekten rund um die Maultrommel weltweit unterwegs. Als Leiter des Leskowsky Musikinstrumentenmuseums in Kecskemét, dem einzigen Musikinstrumentenmuseum in Ungarn, öffnet er Menschen ganz niedrigschwellig den Zugang zu Musik und zur Maultrommel: „Meine Kollegen und ich gehen in die Schulen und geben Workshops. Das ist eine sehr große Mission für mich. Durch unsere Arbeit werden Kinder und Jugendliche von einem intuitiven Instrument wie der Maultrommel angesteckt und können lernen darauf zu spielen, ohne dafür in eine Musikschule zu gehen. Sie können es einfach ausprobieren und selbst erforschen.

    Áron Szilágyi spielt jedes Jahre unzählige Konzerte. Solo, früher mit dem Trio „Airtists“ und heute mit „Zoord“. „Durch unsere Konzerte werden so viele Menschen auf die Maultrommel aufmerksam. Sie hören, was wir mit diesen kleinen Instrumenten machen und werden sofort neugierig. Manche wollen es danach selbst ausprobieren und beginnen zu spielen.“ Eine Gelegenheit die Maultrommel in die Öffentlichkeit zu führen, ist Árons ganz eigene „Global Vibes“-Maultrommel-Party, die immer zum Ende eines Jahres in Kecskemét stattfindet. „Da kommen eine Menge verrückter Leute zusammen, die das Jahresende, aber auch die Maultrommel feiern: Schamanen, Rockmusiker, Techno-DJs, Folktänzer. Es kommen um die 500 Leute und natürlich sind nicht alle an der Maultrommel interessiert, aber durch so ein Erlebnis nehmen sie dieses bemerkenswerte Instrument zur Kenntnis und wir stecken sie vielleicht mit unserer Begeisterung dafür an.

    Áron spielt Maultrommel seit er drei Jahre alt ist. Er wuchs in einer Umgebung auf, in der er ständig von den Instrumenten umgeben war, denn sein Vater Zoltán Szilágyi ist einer der bekanntesten und besten Maultrommelschmiede, den es auf der Welt gibt. Er baut schon seit 40 Jahren Maultrommeln. Als Zoltan Szilágyi diesen speziellen Sound das erste Mal im Radio hörte, war er so sehr davon begeistert, dass er ein Instrument bauen wollte, das genauso klang. Eine Maultrommel hatte er bis dahin noch nie gesehen und auch die ersten Instrumente baute er ohne Vorlage. Er probierte sehr lange verschiedene Varianten aus und baute hunderte Instrumente, bevor er das erste Mal eine andere Maultrommel zu Gesicht bekam. Er habe damals alles stehen und liegen lassen und sich nur noch mit dem Bau von Maultrommeln beschäftigt, erzählt sein Sohn Áron. Der ungarische Begriff für die Instrumente ist Doromb.

    Zoltán Szilágyi war auf der Suche nach dem perfekten Klang. Irgendwann kaufte jemand eine seiner Maultrommeln und er begann sie auch auf Märkten in ganz Ungarn anzubieten. Durch die Folklorebewegung sind damals viele Leute aus den Städten aufs Land gereist, um die traditionellen Tänze zu lernen und sie in der Stadt zu lehren. In diesem Zusammenhang entwickelte sich auch ein großes Interesse an der Maultrommel und Zoltán Szilágyi verkaufte viele seiner Instrumente. Sie unterschieden sich zu anderen Maultrommeln, weil sie handgemacht und von sehr hoher Qualität waren. Als dann die Mauer fiel, wurde seine Arbeit auch außerhalb Ungarns bekannt. Heute baut Zoltan über 80 verschiedene Maultrommeltypen, die alle einen anderen Klangcharakter haben. Zoltáns Instrumente begründen sich nicht auf einer Tradition des Maultrommelschmiedens in Ungarn. Vielmehr folgt sein Ansatz dem Anspruch, einen künstlerischen Umgang mit dem Instrument zu ermöglichen und jede erdenkliche Klangfarbe auszureizen.

    Doromb Blackfire aus der Werkstatt von Zoltán Szilágyi (Ungarn).

    Zoltáns Sohn Áron kennt jeden Handgriff beim Maultrommelschmieden, überlässt das Handwerk aber seinem Vater. Er selbst fertigt Maultrommelkästchen und -schatullen aus Holz an. Sein Hauptaugenmerk liegt auf der Musik. Es sei allerdings keineswegs selbstverständlich gewesen, dass Áron sein Leben wie sein Vater der Maultrommel widmen würde. „Als ich 16 war, suchte ich wie alle Teenager nach etwas, mit dem ich mich ausdrücken konnte. Ich sah, wie Leute aus der ganzen Welt zu uns nach Hause kamen, um meinen Vater zu besuchen. Ich betrachtete unsere Gäste und dachte, sie sind frei, müssen nicht arbeiten, sie reisen durch die ganze Welt und sie sind echt cool – und sie haben etwas gemeinsam: die Maultrommel. Das gefiel mir, also überlegte ich, Maultrommelprofi zu werden. Dafür musste ich mich nicht mal von zu Hause wegbewegen, ich musst nur ins Wohnzimmer gehen, denn die Maultrommelspieler, die uns besuchten waren die besten in der Welt und von ihnen konnte ich lernen, u.a. von Spiridon Shishigin, Anton Bruhin oder Frederik Crane, all die legendären Spieler aus der ganzen Welt. Mit etwa 18 begann ich immer mehr zu spielen und mit Anfang 20 hatte ich meine eigenen Bands, begann zu touren, spielte Konzerte und gab Workshops. Und so lebe ich bis heute.

    Die Begegnungen mit Maultrommelspielern im heimischen Wohnzimmer waren es auch, die Áron zum Vorbild wurden und seinen Stil mitprägten. Er sagt, auch die Instrumente selbst haben einen großen Einfluss auf seine Spielweise gehabt, schließlich hatte er sein Leben lang das Glück ausschließlich auf exzellenten Instrumenten spielen zu können. Dennoch, „den einen, für mich speziellen Stil Maultrommel zu spielen, will ich eigentlich gar nicht definieren, denn ich mache sehr verschiedene Sachen auf den Instrumenten. Angezogen fühle ich mich von einer instinktiven, obertonreichen, rhythmischen Spielweise. Ich habe viele Anschlags- und Atemtechniken gelernt und wende sie beim Spielen auch an. Die Leute sagen mir, dass mein Stil auf sie besonders kraftvoll, stark und dynamisch wirkt, das mag u.a. daran liegen, dass ich wirklich sehr laut spielen kann.

    Áron Szilágyi spielt auf den Maultrommeln seines Vaters. Nicht etwa aus Loyalität, wie er anmerkt, sondern weil er mit genau diesen Instrumenten am besten zurecht komme: „Am liebsten spiele ich die Blackfire-Maultrommeln, weil sie für alle möglichen Spieltechniken gut funktionieren. Sie liegen mir gut in der Hand, ich kenne sie in- und auswendig. Sie sind einfach perfekt für mich.

    Wie Áron auf der Maultrommel klingt, hört man am besten auf einer Aufnahme mit seiner Gruppe Zoord, die 2016 eine CD veröffentlicht haben, auf der sie traditionelle Melodien der Tschangos aus Siebenbürgen neu interpretiert werden. Von den Liedern soll es in Kürze auch ein Remix-Album geben, auf dem World Music-Produzenten und -DJs ihre Songs remixen. Auch ein Soloalbum von Áron ist in Arbeit, von dem er verspricht: es ist ziemlich experimentell, „a crazy voyage“.

  • Wie die Maultrommel in Großbritannien und Irland zur Ware wurde

    „Die Schotten und die Iren integrierten die Maultrommel in ihre Musikkultur, die Engländer nicht.“ (106), schreibt Michael Wright in seinem 2015 erschienen Buch über die Maultrommel in Großbritannien und Irland. Obwohl die Engländer selbst nicht besonders häufig Maultrommel spielten, so war es doch England, das seit spätestens Mitte des 18. Jahrhunderts einer der größten Maultrommelproduzenten und -exporteure Europas wurde. In einem detailreichen Buch über die britische und die irische Jews-Harp trägt der Maultrommelfachmann Michael Wright wichtige Daten zur Wirtschafts- und Kulturgeschichte dieser weit verbreiteten Instrumente bei. Auf welchen Handelswegen gelangte die Maultrommel nach England und wer kaufte sie? Warum wurde Birmingham zum Zentrum der Maultrommelfabrikation? Wer baute die Instrumente? Warum heißt die Maultrommel im Englischen Jews-Harp? Das Buch ist eine Empfehlung für Maultrommel-Liebhaber, -Einsteiger, aber auch für -Experten. Es liefert die Grundlagen zum Instrument, deckt zahlreiche Zusammenhänge mit der Geschichte der Maultrommel in Europa auf und lädt ein zum Stöbern in den unzähligen Referenzen aus Archiven zur Kultur des Instruments und seiner Darstellung in Kunst, Architektur und Presse.

    Michael Wrigh Die Maultrommel in Großbritannien und Irland

    Obwohl die Musik inhaltlich nicht im Vordergrund steht in Michael Wrights „The Jews-Harp in Britain und Ireland“, so ist es doch möglich sich zunächst ein Bild zu machen, von der Musik mit der britischen und irischen Maultrommel. Wrights Buch stellt dafür Aufnahmen auf einer Begleit-CD zur Verfügung, die alle von der Familie Wright stammen, jener Familie, die in den vergangenen über 50 Jahren die Maultrommel am nachdrücklichsten protegiert. Die Einspielungen sind aus den Jahren 2008 bis 2015. Auf einigen Aufnahmen ist auch der legendäre John Wright, Michaels Bruder, zu hören. Eindruck macht vor allem das letzte Stück auf der CD (Nr. 17): Banish Misfortune. Es ist das erste Stück, das John Wright seinen Brüdern 1968 beigebracht hat. Der dreistimmig gespielte Jig aus Irland entfaltet einen breiten Klangteppich und deckt das ganze Spektrum der Instrumente ab. Es ist ein Paradebeispiel für mehrstimmiges Maultrommelspiel.

    Das Buch ist in drei Teile mit jeweils drei Kapiteln gegliedert. Alle Grundlagen zur Herkunft, zum Namen und zu bereits erschienener Literatur fasst Teil eins zusammen. Die Jews-Harp als Wirtschaftsgut mit Händlern, Maultrommelschmieden und Abnehmern in Übersee stellt der zweite Teil des Buches ausführlich dar. Teil drei ist eine Sammlung von zahlreichen Quellen und Referenzen zur Maultrommel in Kunst und Kultur verschiedener Epochen.

    Teil 1: Basics

    Wie entsteht ein Ton bei der Maultrommel, mit welchen Spieltechniken kann man den Klang beeinflussen, wie wir das Instrument in alten Lexika definiert und welche Literatur gibt es schon? Das erste Kapitel mit dem Titel „Theorists“ geht auf die Basics ein. Gleich zu Beginn wirft Wright eine Fragestellung auf, die aus unterschiedlichen Perspektiven diskutiert wird: handelt es sich bei der Maultrommel um ein „Zupf-Idiophone“, wie es die Musikwissenschaftler Hornbostel und Sachs in ihrer Klassifikation festlegten, oder ist die Maultrommel ein Aerophon wie der Maultrommel-Experte Frederick Crane vorschlug, weil die Töne durch Luftwirbel entstehen und nicht das Material der Maultrommel zum klingen gebracht wird.

    Teil 2: Eine Handelsgeschichte der Maultrommel

    Im zweiten Kapitel schließt sofort der nächste Diskurs an. Welchen Ursprung hat die Maultrommel? Da sich Expert_innen und Wissenschaftler_innen bisher auf keine gemeinsame Theorie einigen konnten, entschließt Michael Wright sich dazu, das zusammenzutragen, was durch archäologische Funde bewiesen werden kann. Er argumentiert über die Funktion der Instrumente in der Geschichte. Während Maultrommeln in Sibirien eine spirituelle Bedeutung hatten (und noch heute haben), belegt Wright, dass sie auf dem Gebiet des heutigen Großbritannien und Irland für relativ arme Leute erschwingliche Instrumente darstellten. Wright wertet die archäologischen Funde und Erkenntnisse umfassend aus. Er bezieht dabei vor allem die Forschungen von dem Archäologen Gjermund Kolltveit ein. Sie belegen, dass die Maultrommeln schon im 15. Jahrhundert ein Massenartikel waren. Diese Erkenntnis wird im zweiten Teil des Buches im Detail untersucht.

    Ein für den englisch-sprachigen Raum wichtiger Diskurs wird im dritten Kapitel untersucht. Er dreht sich um die Herkunft und die Verwendung des Begriffs Jews-Harp. Wright durchforschte über 3000 Zeitungen, Zeitschriften, Handelsdokumente und Wörterbücher, um herauszufinden, in welchen Zeiten das Wort wie oft verwendet wurde. Mit Hilfe dieser Quellen zeichnet er die Geschichte des Wortes Jews-Harp nach. Er zeigt, dass verschiedene Termini in Umlauf waren, wie Gewgaw, juice harp oder Jewes harp. Wright stimmt zu, dass man die These in Betracht ziehen muss, eine Vielzahl dieser Worte könnte aus Missverständnissen herrühren, z.B. dass die Worte so aufgeschrieben wurden, wie man sie hörte. Dennoch könne man nur spekulieren – Wright schreibt, es habe viele Versuche gegeben, zu belegen, wie Jews-Harp zum allgemeinen Namen des Instruments wurde. Manche Argumentationen seien verworren und andere einfach lächerlich (40).

    Eine sehr detailliert zusammengetragene Übersicht ist der Abschnitt „The Jewish Connection“. Sie erlaubt es dem Leser sich ein Bild davon zu machen, warum der Begriff Jews-Harp heutzutage kritisch betrachtetet, z.T. bereits vermieden wird. Da das Instrument keinerlei historische Verbindung zur jüdischen Kultur hat und der Begriff schon Ende des 19. Jahrhunderts in antisemitischen oder wenigstens abwertenden Zusammenhängen benutzt wurde, sprechen heute einige Maultrommelfans im englischsprachigen Raum immer häufiger von „mouth harp“ oder „jaw harp“. Wenn man wegen der Bekanntheit des Begriffs schon bei „Jews-Harp“ bleibe, dann, so plädiert Wright, solle man das Wort ohne Apostroph schreiben, also einen Eigennamen kreieren, der im Schriftbild nicht mehr die Assoziation „harp of the jews“ zulässt. Konsequent nutzt Wright in seinem Buch deshalb das Wort Jews-Harp ohne Apostroph und mit Bindestrich.

    Maultrommeln als Ware, „Commercial Exploitation“, heißt der zweite Teil des Buches. Warum wurde die Maultrommel schon im 13. Jahrhundert populär? Michael Wright präsentiert Quellen, die belegen, dass schon sehr früh Maultrommeln in größerer Stückzahl aus den Niederlanden nach England importiert wurden. „Es gibt keine Belege dafür, dass die Maultrommel damals irgendeinen rituellen oder sozialen Status hatte und sie hatte auch keinen besonders großen finanziellen Wert, und dennoch ist sicher, dass sie seit dem 13. Jh. in beachtlichen Mengen von einem Land ins andere verschifft wurden.“ (S. 32) Folgt man den Untersuchungen von Michael Wright, steht dieser durch zahlreiche Dokumente belegte Warenfluss in Zusammenhang mit dem von Historikern als „Kommerzielle Revolution“ bezeichneten wirtschaftlichen Aufschwung im 12. und 13. Jahrhundert. Die Maultrommel wurde in England zum Importgegenstand. Ihr geringer Preis scheint ein Indiz dafür zu sein, dass sich auch ärmere Menschen dieses Musikinstrument leisten konnten. Offen bleiben muss die Frage, wo in Europa diese Maultrommeln hergestellt wurden, denn der Hinweis auf eine Stätte für die Produktion größerer Mengen vor dem 17. Jahrhundert fehlt bisher. Klar ist nur, dass viele Instrumente auf Schiffen aus den Nord- und Ostseehäfen nach England gelangen.

    Die großen Maultrommelzentren Boccorio in Italien und Molln in Österreich können ihre Maultrommelschmiedegeschichte lediglich bis ins frühe 17. Jahrhundert zurückverfolgen (64). Und auch in Großbritannien begann man mit der Herstellung etwa um die gleiche Zeit. England hatte seine ersten, eigenen „trump-maker“ seit dem frühen 17. Jahrhundert. Im späten 17. Jahrhundert fertigten Familien in den West Midlands, also in der Region um Birmingham, Maultrommeln an. Michael Wright beschreibt in seinem Buch, wie Birmingham zu einem der größten Maultrommelproduzenten Europas wurde. Das kleine Instrument als Massenware: im Kapitel fünf über die Maultrommelschmiede in Großbritannien und Irland zeigt Wright, dass schon im 19. Jahrhundert Maultrommeln in verschiedenen Qualitäten hergestellt wurden, d.h. dass die Instrumente eine Preisspanne hatten. Es gab nach wie vor Maultrommeln für ein paar Pennys zu kaufen, inzwischen aber auch immer häufiger etwas teurere Instrumente (83). Einige Familien vererbten das Handwerk, wie Wright zeigt, über viele Generationen weiter. In Kapitel sechs wird beschrieben, wie ihre Maultrommeln in großen Mengen nach Nordamerika, Australien, Neuseeland und Südafrika verschifft wurden. Viele Instrumente verblieben auch in Schottland und Irland. Dort war die Jews-Harp bei vielen Leuten ein beliebtes Instrument (105).

    Teil 3: Referenzen

    Teil drei des Buches ist die Arbeit eines Sammlers. Michael Wright trägt in den Kapiteln sieben und acht Verweise auf historische und aktuelle Darstellungen der Maultrommel in Kunst, Architektur und Medien zusammen. Diese Kapitel sind zum Stöbern, Staunen und Entdecken. Die Leser_innen finden Karikaturen, Abbildungen von Gemälden und Gedichte. Eine kurzweiliges und unterhaltsame Lektüre, die Spaß macht und die verspielte, humoristische Seite der Maultrommel betont. Das letzte Kapitel ist britischen und irischen Maultrommelspielern gewidmet. Kurios die Erinnerungen an Maultrommelspieler, die als Diebe und Mörder zum Tode verurteilt wurden. Erinnerungswürdig die Geschichte von Geillis Duncan, die auf ihrer Maultrommel auch für den König gespielt hatte, bevor sie 1590 mit dem Vorwurf der „Hexerei“ hingerichtet wurde.

    Wenn man all die Geschichten gelesen hat, dann wünscht man sich, einige historische Jews-Harp-Momente mit eigenen Ohren hören zu können. Soweit bekannt ist, stammt die älteste Aufnahme mit einer Maultrommel aus dem Jahr 1933 (176). Sie wurde im Lied „I took my harp to a Party“ gespielt. Weiterführend verweist Michael Wright am Schluss auf einige Einspielungen mit Maultrommeln. Auch eine Aufzählung von Liedern aus der Popularmusik, die die Jews-Harp verwenden, folgt. Der Abschnitt über die neue Generation an Maultrommelspieler_innen, die Präsenz der Maultrommel im Internet und der Ausblick in die Zukunft bleiben sehr fragmentarisch. (Kino, Radio und Fernsehen S. 173).

    Von dem Buch gehen zahlreiche anregende Impulse aus. Am stärksten wirkt die Aufarbeitung der Maultrommel in Großbritannien und Irland als Ware und wirtschaftliches Gut. Wright zeigt anschaulich und mit umfangreichen Belegen, wie die Instrumente von einem Importartikel im 13. Jahrhundert zu einem Exportgut im England des 18. Jahrhunderts wurden. Leider lassen sich kaum genauere Aussagen treffen, zu welchen Gelegenheiten und von welchen Menschen genau die Jews-Harp im 13. Jahrhundert gespielt wurde. Hier fehlt es an Quellenmaterial. Wieder müssen wir davon ausgehen, dass die Maultrommel in jener Zeit einen niedrigen kulturellen Status zugewiesen bekam. Michael Wright zitiert den englischen Autor Samuel Pegge, der 1778 schrieb, bei dem Instrument handele es sich um nichts weiter als ein „Jungs-Spielzeug“, das weder mit der Stimme noch mit einem anderen Musikinstrument gut zusammen klang (14). Inhaltlich liegt der Fokus im Buch stärker auf Großbritannien als auf Irland. Das Buch setzt sich nicht auseinander mit der Musik selbst, also mit dem Repertoire für englische und irische Maultrommel. Erschienen ist es in englischer Sprache bei Ashgate. Als wissenschaftliche Veröffentlichung ist „The Jews-Harp in Britain und Ireland“ mit über 80 Euro leider um einiges teurer als der durchschnittliche Buchpreis.

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