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Der DAN MOI Blog ♫

In unserem Blog schreiben wir über uns, über Maultrommeln und andere Instrumente, über Veranstaltungen und Künstler, die mit unseren Instrumenten zu tun haben.

  • Die Akustik der Maultrommel: Robert Vandré und die Faszination der Maultrommel-Physik

    Was hat das Maultrommelspielen mit dem Sprechen zu tun? Robert Vandré sagt, man lerne viel über die Maultrommel, wenn man sich mit den physiologischen und physischen Vorgängen des Sprechens beschäftigt. Es gibt ähnliche Mechanismen, die sowohl beim Sprechen als auch beim Maultrommelspielen den Klang bilden, z.B. die Bewegung der Zunge oder die verschiedenen Resonanzräume im Kopfbereich. Robert Vandré ist Hobbymusiker und seit über 20 Jahren auch Maultrommel-Akustiker. Vandré ist Autor einer Maultrommelschule und eine Instanz für detailbegeisterte Maultrommelspieler*innen, denn er hat das Instrument bis ins Mark untersucht und vermessen. Bisher existieren nur wenige Studien über die akustischen Parameter der Maultrommel. Seine seit 2002 betriebene Webseite rvandre.de gehört zu den wenigen Quellen, die die Schalleigenschaften der Maultrommel auf Grundlage handfester Zahlen umfassend analysiert. Deshalb ist sie ein Schatz für Instrumentenkundler*innen und Akustiker*innen, aber gleichzeitig auch eine Fundgrube für Maultrommelspieler*innen, die tiefer in das Instrument und seine Funktionsweise einsteigen wollen. Helen von Dan Moi traf Robert 2017 zum Ancient Trance Festival in Taucha.

    Quelle: http://rvandre.de/toene.html.

    Der naturwissenschaftliche Ansatz

    Die akustischen Bedingungen für die Maultrommeln haben mich sehr interessiert. Ich bin Naturwissenschaftler, Ökologe, arbeite als Bodenkundler und Botaniker. Musik ist mein Hobby. Ich hab also einen ganz anderen Zugang zu den Instrumenten, als viele andere Maultrommelspieler. Mich interessiert schon wie sich das anfühlt und was die Maultrommelmusik mit der Seele macht. Aber ich nehme die einzelnen Faktoren auch auseinander und will wissen wie die Instrumente physikalisch funktionieren. Ich bin eher der Techniker, der sagt, das ist Rhythmus, das Melodie, das macht das Zwerchfell, das machen die Finger, das macht der Atem, das ist Artikulation. 

    Robert Vandré hat die Maultrommel akustisch untersucht, gemessen und Daten ausgewertet. Er nahm die Töne einer Maultrommel auf und fertigte mit Hilfe eines Computerprogramms Frequenzspektren dieser Töne an. Die Spektren bilden die Obertöne ab, die in einem Maultrommelton mitschwingen. Bereits seit dem Jahr 2002 betreibt Robert Vandré seine Webseite rvandre.de, auf der er diese Untersuchungen dokumentiert und öffentlich zugänglich macht. Man sieht in den Grafiken, welche Obertöne in einem Klang wie stark ausgeprägt sind und versteht dadurch wie sich ein Klang physikalisch zusammensetzt. Das Ergebnis der Untersuchungen sei verblüffend gewesen, sagt Robert Vandré, „ich war sehr überrascht, wie regelmäßig das Muster des Klanges ist, den die Zunge der Maultrommel generiert.“ Anhand seiner Messungen lässt sich nachvollziehen, wie die Maultrommel funktioniert: Maultrommeln haben jeweils einen Grundton, alle weiteren Töne der Maultrommel sind Obertöne dieses Grundtons, die durch den Maultrommelspieler durch gezielte Bewegungen des Mund- und Rachenraums angesteuert werden können. 

    Die Maultrommel habe ich vor vielen Jahren mal auf einem Festival entdeckt. Dort gab es Schwarz-Maultrommeln aus Österreich. So eine habe ich mir damals gekauft und darauf ein bisschen rumgeschnarrt. Ich dachte zuerst an Snoopy von den Peanuts, der spielt ja Maultrommel, zum Beispiel spielt Snoopy im Bus. Also habe ich mit meiner Maultrommel rumprobiert und bin so weit gekommen, dass ich Melodien spielen konnte, die die anderen Menschen in meiner Umgebung erraten mussten. Dann ist das Instrument erst mal jahrelang liegengeblieben und bei mir in Vergessenheit geraten, bis ich nach Frankfurt auf die Musikmesse fuhr. Auch das ist jetzt schon viele Jahre her. Dort gab es einen Stand mit ungarischen Maultrommeln von Szilágyi. Ich hab mir eine gekauft und schon auf der Zugfahrt nach Hause hat es mich total gepackt: es war richtig klasse mit einer guten Maultrommel zu spielen und darauf Sachen auszuprobieren. Und so bin ich dann richtig neugierig geworden: wie funktioniert so eine Maultrommel, was steckt physikalisch dahinter? Ich begann rumzuprobieren, mir Gedanken zu machen und Sachen zu lesen, z.B. von Sprachwissenschaftlern, die beschreiben wie im Vokaltrakt ein Ton entsteht und geformt wird." 

    Die richtige Maultrommel finden

    Das akustische Interesse bleibt nicht nur theoretisch. Robert Vandré hat seine eigene Technik entwickelt, wie er Maultrommeln verbessert, die nicht so gut klingen. „Ich spiele sehr gern die Maultrommeln aus der Werkstatt von Josef Jofen, der heute leider keine Maultrommeln mehr baut, weil er in Rente gegangen ist. Dann spiele ich gern Schlütter- und Szilágyi-Maultrommeln, die sind beide sehr gut. Wenn mal eine nicht so gut klingt, dann habe ich das Ende der Zunge, das man mit den Fingern anschlägt, mit der Zange etwas gekürzt und wieder krumm gebogen. Dann stimmt zwar die Tonhöhe nicht mehr, aber das war mir egal, es sind heute meine besten Maultrommeln.

    Ein gutes Instrument zu finden, ist bereits für Anfänger*innen ganz wichtig. Aber wie findet man ein gutes Anfängerinstrument? „Wenn man die Gelegenheit hat, ist es auf jeden Fall gut an einem Stand, wo es Maultrommeln gibt, einige auszuprobieren“, empfiehlt Robert Vandré. „Wichtig ist ein Instrument mit einer weichen Zunge zu wählen, damit die Instrumentenzunge nicht mit zu viel Energie an den Zähnen schwingt. Die Maultrommel sollte dabei trotzdem einen guten Klang haben.“ Für Robert liegt das Geheimnis einer guten klingenden und gut spielbaren Maultrommel in der Länge des abgebogenen Teils der Zunge. Dieser sollte wie oben beschrieben kurz sein, damit die Gegenschwingung nicht so stark ausfällt, denn dann kann das Instrument einen schönen Klang entfalten.

    Quelle: http://rvandre.de/spieltechnik.html.

    Mit Körperbeherrschung spielen

    Wie die meisten Maultrommelspieler ist auch Robert Vandré Autodidakt, jedoch gibt er sein Wissen inzwischen an andere weiter. Um neuen Maultrommelspielern den Einstieg zu erleichtern, hat er seine Kenntnisse in einem Kurs zusammenstellen, der auch als Heft veröffentlicht ist. Hin und wieder leitet Robert Vandré auch Workshops für Maultrommeleinsteiger oder auch für Fortgeschrittene Spielerinnen und Spieler. 

    Was mich bei der Maultrommel hält ist, dass der Klang nach innen geht und es wirklich gute Laune macht. Es ist einfach schön zu spielen. Mir macht es auch Spass die Maultrommel mit Körperbeherrschung zu spielen, d.h. mit kontrolliertem Atem wie Aron Szilágyi das fantastisch macht. Kontrollierte Rhythmen, kontrollierte Stücke, Choräle, Volkslieder, also wirklich Musik auf der Mautlrommel spielen und nicht nur Geräusche. Das ist, was mich interessiert. Ich will da richtig Musik drauf machen. Als ich die Maultrommel für mich entdeckte, kam sie als Musikinstrument im öffentlichen Raum, soweit ich mich erinnern kann, so gut wie gar nicht vor. Nur das Sprungfedergeräusch als Klangeffekt tauchte hin und wieder mal auf. Außerdem war da die Titelmelodie der Sesamstraße: aber da spielt die Maultrommel gerade einmal zwei Tönen im Rhythmus. Die Maultrommel als Melodieinstrument schien es gar nicht zu geben. 

    So wie ich das sehe, gibt es in Deutschland so gut wie keine lebendige Maultrommeltradition, höchsten dann im Alpenraum, Richtung Molln, in Österreich. Das Maultrommelspielen ist hier völlig neu erfunden worden. Wirklich wieder zum Leben erweckt hat die Maultrommel hier in Deutschland eigentlich erst die Weltmusik-Szene, genauer eigentlich jene Leute, die sich mit Spiritualität beschäftigen, also über das Gefühl den Zugang zur Maultrommel finden.“ Wirklich gute Maultrommelspieler, sagt Robert Vandré habe er erstmals 2007 gehört, beim ersten Ancient Trance Festival, das damals noch in Leipzig stattfand. „Den guten Maultrommelspielern auf die Finger schauen zu können, war der Antrieb für mich sich weiter mit Maultrommeln zu beschäftigen. 

    Hier könnt ihr Robert hören. Er spielt das Stück "Abendspaziergang":

  • Amazing jaw harp music: Rock, Pop, Jazz

    Wer spielt eigentlich Maultrommel?: sind es die Träumer oder sind es die Leute mit Humor, sind es neugierige Klang-Enthusiasten oder Liebhaber_innen experimenteller Musik. Wir haben in den Musikarchiven gegraben und dort bemerkenswerte Musikstücke mit Maultrommel aus den Bereichen Rock, Pop und Jazz gefunden. Unsere Auswahl umfasst 15 Songs, die auch unter dem Hashtag #amazingjawharpmusic wieder zu finden sind.

    In der Playliste taucht Maultrommelmusik auf, die die traditionellen Pfade des Instruments verlässt, sich also jenseits von traditionellen und weltmusikalischen Ansätzen entwickelt. Die Maultrommel versteckt sich dann als Rhythmusinstrument in einer Rockband (Medicine Head, Leonard Cohen, The Clash) und unternimmt mutige Gehversuche als Soloinstrument neben Trompete und Bass im Jazz-Ensemble (Dizzy Gillespie, Gina Gershon). Mal gibt die Maultrommel dem Rhythmus das „gewisse Etwas“ (John Zorn), mal ist sie das i-Tüpfelchen in einer Komposition (Joanna Newsom), mal ist sie Dreh- und Angelpunkt für eine experimentelle, ganz persönliche Auseinandersetzung mit Sound (Harvey Matusow).

    Die Songs von #amazingjawharpmusic sind keineswegs von Maultrommel-Virtuosen gespielt. Viele der Aufnahmen sind von Musiker_innen und Künstler_innen, die die Maultrommel eher nebenbei spielen. Sie benutzen sie als „Hinhörer“, als besonderen Klangeffekt in ihrer Musik. Auffällig ist auch, dass sie das „brummende Eisen“ als Medium für ihren ganz individuellen Zugang zu Musik verwenden (Daniel Higgs, Meredith Monk). Wir hoffen, dass diese Auswahl an Maultrommel-Stücken Inspiration und Überraschung zugleich sein wird.

    #15 Wir starten mit dem schwebenden Stück „Mystic Circles“ von John Zorn vom Album „The Dreamers“ (2008). Die Maultrommel pulsiert in diesem Stück, sie bleibt der Rhythmusgruppe auf den Fersen, aber schweift kontinuierlich gedankenverloren ab. Die rhythmischen Motive kreuzen die Melodien wie vorbeirasende Kometen. Bewegend und nachdenklich.

     

    #14 „Rendezvous with Death“ von den Tiger Lilly´s ist eine musikalische Parodie auf die Sterblichkeit. Veröffentlicht 2016 auf dem Album „A dream turns sour“, ist es die Maultrommel, die dem Song seine Unschuld und leichtfüßige Sorglosigkeit verleiht. Als Hörer_in fühlt man sich dennoch alarmiert von der bedrohlich-hinterlistigen Atmosphäre, die eben auch in dem Stück mitschwingt. Ein ganz besonderes akustisches Duo bildet die Maultrommel mit der Horrorclown-Falsette-Stimme von Martyn Jacques.

     

    #13 Auch der Song „I can´t decide“ vom Album Ta-Dah (2006) von den Scissor Sisters ist mit einer ordentlichen Portion schwarzen Humor versehen. Es ist die Maultrommel, die wieder „das gewisse Etwas“ in die Musik bringt. Gespielt wird sie von der US-amerikanischen Schauspielerin Gina Gershon, die aus Filmen wie „Bound“, „Im Körper des Feindes“ und „Insider“ bekannt ist.

     

    #12 Die deutsche Band 2raumwohnung um die Sängerin Inga Humpe veröffentlichte 2001 ihr erstes Album „Kommt zusammen“. Die Maultrommel ist gleich im ersten Song des Albums zu hören. Sie folgt der Melodie der Bass-Line und verbreitet zusammen mit der Lagerfeuer-Gitarre eine eher hippieske Stimmung.

     

    #11 Die britischen Bluesrocker von Medicine Head hatten mit ihrer Single „One and one is one“ 1973 ihren größten Erfolg. An der Seite von Schlagzeug und Bass spielt Peter Hope-Evens einen beständig zirkulierenden Maultrommelrhythmus. Das Stück ist ein gutes Beispiel dafür, wie die Maultrommel als Rhythmusinstrument in einer Rockband Verwendung findet. Hope-Evens spielt übrigens bis heute leidenschaftlich Mundharmonika und Maultrommel, u.a. mit seiner Blues Club Band.

     

    #10 Wusstet ihr, dass Dizzy Gillespie nicht nur ein genialer Trompeter, sondern auch ein ausgezeichneter Maultrommelspieler war? Zeugnis von Gillespie´s Maultrommelkunst legt das Album „To a Finland Station“ ab, das er 1982 zusammen mit dem Trompeter Arturo Sandoval in Helsinki aufnahm. Man hört ihn mit dem Brummeisen in den Tracks „First Chance“ und „Dizzy the Duck“. In den beiden Stücken wird die Maultrommel auch solistisch eingesetzt, rückt also als Melodieinstrument in den Vordergrund. In einem Interview erinnert sich Arturo Sandoval, dass Dizzy Gillespie eine gute Portion Humor besaß, die auch in seine Musik einfloss. Es habe oft Maultrommel gespielt. Sandoval erzählte, er habe von Gillespie sogar eine Maultrommel geschenkt bekommen und Gillespie zeigte ihm auch wie man darauf spielt. Dizzy Gillespie war in den 1980er Jahren auch in einer Folge der „Bill Cosby Show“ zu sehen. Er trat als Musiklehrer Mr. Hampton auf, der der kleinen Tochter der Huxtable Familie das winzige Hosentascheninstrument vorführte. (Alle, die sich die Geschichte selbst ansehen wollen, sollten nach der Serie mit dem Namen „Play it again, Vanessa“ suchen.)

     

    #9 Hier ist ein weiterer Titel mit der US-amerikanischen Schauspielerin Gina Gershon. Sie spielt ein Duo mit dem Bassisten Christian McBride. „Chitlins and Gefilte Fish“ ist eine freudvolle instrumentale Unterhaltung zwischen den beiden übers Essen. Der Song ist auf McBride´s 2011 erschienen Album „Conversations with Christian“ erschienen.

     

    #8 Die genialen Musiker von der Schweizer Gruppe Stiller Has zelebrieren die Berner Mundart auf ihrem 1994 veröffentlichten Album „Landjäger“. Darauf befindet sich der Song „Gruusig“, in dem die Maultrommel den Gesang (ganz wie es der Titel vorschlägt) auf wahrhaft fürchterliche Weise konterkariert. Alle jene unter Euch, die es nicht ertragen einer Maultrommel zuzuhören, die falsch wenn nicht gar blöd klingt, sollten dieses Stück nicht anhören.

     

    #7 Die Musik des US-amerikanischen Künstlers Daniel Higgs bewegt sich zwischen experimenteller Klangsprache, Post-Hardcore Einflüssen und ethnologischen Sounderkundungen. Higgs war der Kopf der Band Lungfish, die zwischen 1987 und 2005 zusammen gespielt hat. Ihr Stil war geprägt von wiederkehrenden, fast meditativen Klängen. Seit zehn Jahren ergründet Higgs nun schon neue Gefilde als Solist und in Kooperationen mit anderen Musikern. Die Maultrommel begleitet ihn stets auf dieser Reise. 2003 entstand das Album „Magic Alphabeth“, auf dem er sich ganz und allein der Maultrommel widmete. Dieser experimentelle Ansatz mit dem Instrument umzugehen ist zwischen Folk und Noise, und einer exzessiven Suche nach der eigenen „Maultrommel-Stimme“ angesiedelt.

     

    #6 Ein wirklich extravagantes Statement die Maultrommel als zeitgenössisches Musikinstrument jenseits von allem Dagewesenen zu präsentieren, kommt von Harvey Matusow und seiner Jew´s Harp Band. Das Album „War Between Fats and Thins“ erschien 1969. Dabei ist Matusow nicht in erster Linie bekannt als Musiker, vielmehr war er Kunst- und Musikliebhaber. Er erlangte Berühmtheit, für seine Doppelrolle als Mitglied der kommunistischen Partei und Spion des FBI in der McCarty Ära. Matusow war auch in die künstlerischen Milieus der USA vernetzt. In seinem Exil in England organisierte er Film- und Musikfestivals mit zeitgenössischem Repertoire. Er arbeitete für Fernsehen und Radio und er nahm das von LSD-Konsum beeinflusste Maultrommel-Album mit der Jew´s Harp Band auf.

     

    #5 Die Harfenistin und Songwriterin Joanna Newsom spielte 2006 den wundervoll epischen Titel „Emily“ für ihr Album „Ys“ ein. Man muss sich gedulden bis zur Minute zehn dieses zwölf Minuten langen Liedes. Erst dann verteilt eine scheue Maultrommel ihre akustischen Farbsprenkel in dem Stück. Dieser Song ist ein Gemälde und eine unerhört schöne lyrische Begegnung.

     

    #4 Viele werden wissen, dass Leonard Cohen die Maultrommel in seiner Musik verwendet hat. Man hört sie in „Tonight will be fine“ vom 1969 erschienen Album „Songs from a room“ und in „Is this what you wanted“ vom Album „New skin for the old“ (1964). Im ersten Titel klingt der Maultrommel-Stil durch, den man auch in der Countrymusik findet. In „Is this what you wanted“ hält sich die Maultrommel wieder nah an der Bass-Linie und funktioniert wie ein Kommentar zur Strophe.

     

    #3 Über „Guns of Brixton“ von The Clash und ihrem 1979er Album „London Calling“ müssen keine Worte mehr verloren werden. Legendär.

     

    #2 Ein spiritueller und gleichzeitig avantgardistischer Zugang zum Maultrommel spielen, findet sich in den künstlerischen Arbeiten von Sainko Namtchylak aus Tuwa. Unsere Hörempfehlung ist „Tuva Blues“ vom Album „Stepmother City“ (2001). Tuwanische Tradition und kontemporäre Elemente vermischen sich in dem Stück fast symbiotisch.

     

    #1 Platz Nummer 1 der #amazingjawharpmusic bekommt Meredith Monk für ihr Solostück „Jew´s Harp“. Aufgenommen wurde es 1979 mit dem Album „Songs from the Hill“. Die US-amerikanische Sängerin, Komponistin und Choreographin benutzt die Maultrommel als ganz persönliches Ausdrucksmittel. Das Stück denkt konsequent ein Experimentieren mit Stimme und Körperakustik weiter.

  • The Strange Sound of Happiness: Diego Pascal Panarello folgt der geheimnisvollen Kraft der Maultrommeln

    Endlich gibt es wieder einen neuen Film über die Maultrommel. Der sizilianische Filmemacher Diego Pascal Panarello arbeitete über sieben Jahre lang an „The Strange Sound of Happiness“. Beim Leipziger DOK Festival 2017 feierte die Fantasy-Doku ihre Weltpremiere. DAN MOI traf Diego im Foyer des Kinos in Leipzig wenige Minuten vor der Premiere. Auf einem Bartisch breitete er nicht nur seine Maultrommelsammlung für uns aus, sondern auch einige berauschende Legenden u.a. über die Verbindung der Maultrommel mit der Mafia, die Geschichte über den Verlust seiner Lieblings-Maultrommel und natürlich seine ganz persönliche erste Begegnung mit den „Sorgenvertreibern“.

    Diego Pascal Panarello (DPP): Ich komme aus der Stadt Augusta, das liegt auf Sizilien zwischen Syrakus und Catania. Augusta hat einen Marinestützpunkt und einen Fischereihafen. Zu meiner ersten Maultrommel kam ich ganz zufällig. Ich weiß gar nicht so genau warum, aber eines Tages wachte ich auf und wollte Maultrommel spielen. Also ging ich zu einem Souvenirgeschäft und kaufte mir eine. Als ich sie hatte, hörte ich eine Woche lang nicht auf, sie zu spielen. Meine Lippen begannen zu bluten, weil ich sie nicht richtig spielen konnte. Aber das hat sich nicht schlecht angefühlt, genaugenommen ging es mir beim Spielen richtig gut. Das ist jetzt 12 oder 15 Jahre her, danach habe ich die Maultrommel wieder vergessen. Ich spielte nur noch hin und wieder mal. Es hat mir Spaß gemacht, denn ich wurde immer ein wenig besser. Ich dachte so für mich, es ist etwas Geheimnisvolles an diesem Instrument dran. Es faszinierte mich. Auch sein italienischer Name faszinierte mich: Scaccia Pensieri bedeutet soviel wie „verschwindet, ihr schlechten Gedanken“. Das machte mich neugierig.

    DAN MOI: Wie würdest Du Dich bezeichnen?

    DPP: Ich bin Filmregisseur und ich bin ein gescheiterter Musiker. Ich wollte Musiker sein, aber ich war nie fähig ein Instrument spielen zu lernen. Ich bin eine Niete in der Musik, ich hab kein Gefühl für Rhythmus, Stimmung oder sonst irgendetwas ... Ich wurde Filmemacher. Und jetzt bin ich sogar doch noch ein ganz klein wenig Musiker geworden.

    DAN MOI: Welche Geschichte erzählst Du in dem Film?

    DPP: Es ist die Geschichte eines Typen, der 20 Jahre lang auf der Suche nach etwas war, der nicht genau wusste wonach er Ausschau hielt und es schließlich auch nicht fand. Er ist von diesem Leben müde geworden und kehrt in sein Elternhaus zurück. Ganz zufällig fällt ihm dieses kleine Instrument in die Hände und er folgt seinem Klang. Dadurch entdeckt er etwas, das er vorher nicht kannte. Der Film bewegt sich zwischen Realität und Fantasie. Es ist ein Dokumentarfilm mit einer Brise Fiktion. Ein visionärer Pop-Trip. Eine bewegte Geschichte ohne den Anspruch lückenlos historisch zu berichten.

    Dieser junge Typ gelangt also nach 20 Jahren durch die Maultrommel in eine ganz neue Welt. Diese neue Welt ist im Film durch Jakutien repräsentiert, denn Jakutien ist so ganz und gar verschieden zu Sizilien. Es erscheint wie ein Ort, der nur in der Vorstellung existiert. Im Film gelange ich nie in Wirklichkeit an diesen Ort, weder mit dem Zug, noch mit dem Flugzeug. Aber ich reise in Gedanken dorthin. Mich hat dieser andere Ort immer sehr fasziniert. Deshalb habe ich den Film zwischen Sizilien und Jakutien stattfinden lassen. Der eine Ort ist das Gegenteil des anderen Ortes. Es kommen noch ein paar andere Ecken der Welt im Film vor, wie Frankreich, Ungarn und Österreich, allerdings bekommt man das als Zuschauer nicht direkt mit, denn sie sind Teil der Geschichte und werden nicht genau benannt.

    DAN MOI: Wie stark ist die Maultrommelkunst in Sizilien verbreitet?

    DPP: Zunächst einmal ist die Maultrommel ein Souvenir für Touristen. Sizilien ist durch einige Kinofilme bekannt. Leute aus aller Welt kommen nach Sizilien, weil sie die Insel durch den Film „Der Pate“ oder den Gauner Salvatore Giuliano kennengelernt haben und sie mit eigenen Augen sehen wollen. Viele nehmen eine Maultrommel mit, wenn sie wieder abreisen. Seit etwa zehn Jahren gibt es außerdem das Marranzano World Festival in Catania. Es zeigt die Maultrommel in einem ganz neuen Licht und rückt sie aus der Touristenecke und der Mafiatradition raus.

    Ursprünglich war die Maultrommel in Sizilien das Instrument der Schäfer. Sie pflegten Maultrommel zu spielen, wenn sie mit den Tieren allein in den Bergen unterwegs waren. Als die Mafia begann die Gebiete neu zu organisieren, kam den Schäfern eine wichtige Rolle zu. Denn sie waren es, die mit ihren Schafen über die Ländereien zogen. Die Mafia versuchte sie deshalb auf ihre Seite zu ziehen, um Kontrolle über die Gebiete zu erlangen. Auf diese Weise kamen Maultrommel und Mafia in Kontakt miteinander. In den Filmen über Salvatore Giuliano, spielen Schäfer Signale auf der Maultrommel, wie „Salvatore, die Polizei kommt“. Allerdings denke ich, dass dies eine Erfindung des Regisseurs Francesco Rosi war und nicht der Realität entsprach.

    Es gibt viele Legenden, die davon berichten, dass mit Maultrommeln Signale von einem Hügel zum anderen geschickt wurden. Jedoch muss das schwierig gewesen sein, bedenkt man wie leise die Maultrommeln klingen. Genau das aber ist das Schöne daran: es gibt keine Geschichte der Maultrommel in Sizilien, dafür aber eine ganze Menge Platz für Mythen. Wahrscheinlich folgt mein Film genau diesem Ansatz. Die Maultrommel ist ein unbeschriebenes Blatt und man kann viel Neues kreieren. Jeder kann sich seine eigene Legende für das Instrument ausdenken.

    DAN MOI: Was wünschst Du Dir, wer den Film anschauen soll?

    DPP: Ich hoffe, dass ihn Leute sehen, die die Maultrommel noch nicht kennen. Natürlich freue ich mich auch, wenn Menschen den Film schauen, die mit der Maultrommel schon vertraut sind. Sie werden schon viel über die Geschichte der Instrumente wissen, deshalb ist es gar nicht schlecht, dass „The Strange Sound of Happiness“ keine historische Dokumentation im engeren Sinne ist. Ich hoffe, dass alle die ihn sehen, etwas für sich rausziehen können. Wie viele vielleicht wissen, repräsentiert die Maultrommel schließlich einen magischen Schlüssel ...

    DAN MOI: Wie schwer war es die Maultrommel zu filmen?

    DPP: Ich habe den Kameraleuten gesagt, dass sie die Maultrommel bitte von der rechten Seite her aufnehmen, denn die linke Seite wird von der Hand verdeckt. Andererseits, wenn man nicht so viel sieht, wird die Sache noch mysteriöser. Es gibt Passagen im Film, in denen es dunkel ist und wir mit genau diesem Effekt spielen: wenn die Maultrommel nicht zu sehen ist, wird sie noch interessanter für die Zuschauenden. Die Leute fragen sich dann, „ist das ein kleines Stück Eisen? Wie wird es gespielt? Was wird damit gespielt?“.

    DAN MOI: Welches ist Deine Lieblingsszene im Film?

    DPP: Es gibt einen Moment, der im Film nicht vorkommt. Ich habe einen Maultrommelschmied in Jakutien getroffen. Er hat ein Instrument für mich geschmiedet und seither hat sich mein Maultrommelspiel deutlich verbessert. Ich denke, dass ich diesen Sprung meiner neuen Maultrommel und diesem Schmied verdanke. Eines Tages aber ging genau dieses Instrument kaputt. Damals war ich in Europa und es war ein schrecklicher Moment für mich. Es war ganz klar, ich musste zurück nach Jakutien, um es reparieren zu lassen. Als ich in Jakutien ankam, sagte man mir, dass der Meisterschmied krank sei und das Instrument nicht wieder herrichten könne. Als mich diese Nachricht erreichte, musste ich weinen. Es kam mir vor, als würde ich einen geliebten Menschen oder etwas von besonderem Wert für mich verlieren. Das war ein symbolischer Moment für mich. Im Film wird diese Szene rekonstruiert, sie passierte mir jedoch in Wirklichkeit.

    Das Maultrommel-Etui von Diego Pascal Panarello.

    DAN MOI: Hast Du eine Marranzano bei Dir?

    DPP: Ja, ich habe eine sehr alte Marranzano hier. Sie wurde von einem Schmied angefertigt, der leider schon gestorben ist. Ich hab mal eine Frau getroffen, die mir erzählte, dass ihr Großvater Schmied in Leonforte war. Daraufhin erzählte ich ihr, dass ich wusste, dass es einen Schmied in Leonforte gab, der Maultrommel herstellen konnte, aber bereits tot war. Da sagte sie mir, „ja, genau, das war mein Großvater, er stellte solche Instrumente her“. Sie hatte fünf seiner Instrumente und schenkte mir eines davon. Es ist genau diese Maultrommel, die ich hier in den Händen halte.

    DAN MOI: Würdest Du für uns etwas auf der Maultrommel spielen?

    DPP: Na klar. Dieser Sound ist nicht ganz typisch für Sizilien. Der sizilianische Maultrommelklang ist eigentlich etwas härter. Ich weiß nicht warum, aber dieses Instrument klingt etwas weicher. Dass es schon so alt ist und immer noch funktioniert, ist auch nicht typisch. Normalerweise ist die Form des Bügels größer. Ich spiele kein sizilianisches Stück für Euch, sondern eine Improvisation. Es ist eine Art Tarantella.

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