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Der DAN MOI Blog ♫

In unserem Blog schreiben wir über uns, über Maultrommeln und andere Instrumente, über Veranstaltungen und Künstler, die mit unseren Instrumenten zu tun haben.

  • „The pleasure to play a sound“: Steev Kindwald und sein Leben mit der Doppelflöte Alghoza

    Seit zwanzig Jahren bereits spielt Steev Kindwald die indische Doppelflöte Alghoza und erst nach zwanzig Jahren, so sagte ihm sein Meister in Rajasthan, „ist man in der Lage, das Instrument gut klingen zu lassen“ – vorausgesetzt, man widmet sich in dieser Zeit voll und ganz dem Alghoza-Studium. Alghoza spielen ist das Erste, was man nach dem Aufwachen macht und das letzte, bevor man zu Bett geht. Steev spielt mehrere Stunden täglich Doppelflöte. Er sagt, es geht um viel mehr, als das bloße Lernen und Üben eines Instruments. Alghoza spielen ist ein Seins-Zustand, eine Lebensform. Und es ist der Spagat zwischen Anpassung und Kreativität: Die Kunst, wie jene Menschen zu leben, die die Alghoza bis zur Vollendung verinnerlicht haben und gleichzeitig seine eigenen Varianten dieser Musik zu prägen, sie individuell zu formen. Das Interview mit Steev Kindwald (der auch ein ausgewiesener Experte für asiatische Maultrommeln ist) führte Helen Hahmann im Sommer 2019 bei DAN MOI in Taucha.

    Steev Kindwald mit der Doppelföte Alghoza

    Bei einem Meister in Indien Doppelflöte spielen zu lernen, ist wirklich etwas Besonderes. Wie ist das für Dich?

    Wenn man diese Instrumente spielt, dann legt man ein großes Versprechen ab, besonders im Kreis einer Musikerkaste. Wenn man Einlass haben und mitmachen möchte, sollte das auf korrekte Weise geschehen, man sollte dem Ganzen echten Respekt zollen. Eins ist klar: je mehr du gibst, desto mehr bekommst du. Andererseits will man keine bloße Marionette werden und nur die Tradition kopieren.

    Mein Meister war da sehr klar. Bezüglich der Doppelflöte, der Alghoza, sagte er: „Wenn du diese Lieder spielen lernst, dann ist das nur der Anfang, es ist wenig, fast nichts. du lernst das Lied, Ok. Aber dann, wo sind die Variationen?“ Das bedeutet, dass jede Person, die Doppelflöte spielt (in diesem Falle sind es nur Männer), ihre ganz individuelle stilistische Variation ausprägt. Als Menschen aus dem Westen vergessen wir manchmal, dass wir Lieder nicht nur kopieren, sondern Varianten von ihnen spielen. Meine Variante wird sich von deiner unterscheiden und dadurch wird sie zu Kunst und zu einzigartiger Kultur.

    Wie hat Dein Meister für die Doppelflöte reagiert, als Du ihn gebeten hast, Dir seine Musik zu unterrichten?

    Naja, er sagte, „Wenn du diese Musik spielen möchtest, dann musst du so leben wie wir, so gut du kannst. Du spielst nicht deine Musik in unserem Haus, du spielt allein unsere.“ Natürlich haben sie mir nicht ihre Sprache beigebracht, sie ist eher ein Geheimnis, denn die Sprache ist der private Raum dieser Menschen. Der Privatraum ist in Indien nicht an einen physischen Ort gebunden, vielmehr wird er durch Sprache geschaffen. Aber mein Meister sagte: „Du trägst die Kleidung wie wir, du schläfst wie wir schlafen, du isst wie wir essen, du wirst krank wie wir krank werden, du trinkst wie wir trinken und du spielst Musik wie wir Musik spielen und strengst dich dafür wirklich an.“ Auf diese Weise kommt man dem Lebensgefühl dieser Menschen zumindest etwas näher.

    Die Musik der jungen Leute, die ihr Leben mit viel Technik um sich herum verbringen, diese Musik klingt auch so. Die älteren Generationen hingegen sehen schon rein von der Physis her anders aus, sie verbringen viel mehr Zeit mit der Natur, mit den Tieren. Sie leben in einem naturnahen Umfeld, sie ernähren sich von natürlichen Lebensmitteln und sprechen die alten Sprachen, sie tragen die traditionelle Kleidung (aber nicht im Sinne einer Tracht). Die Schwingungen und die Klangfarben der Töne, die diese Menschen produzieren, klingen definitiv anders.

    Seit wie vielen Jahren lernst Du die Alghoza spielen?

    Mein Lehrer sagte, dass der gute Klang nach etwa 20 Jahren kommen würde. Nun spiele ich die Doppelföte seit etwa 20 Jahren und habe die Wüstenregionen in den letzten 20 Jahren so oft besucht wie nur irgend möglich. Meine Regel lautet, wenn ich ernsthaft krank werde, dann muss ich das Dorf verlassen und eine Pause einlegen. Es ist so eine Art Energie, die mir dann sagt, „Zeit zum Üben“, denn ein Meister kann dich unterrichten, aber üben muss man allein. Das Üben ist schon fast spirituell in Indien. Üben ist das Zentrum aller Dinge. Du übst idealerweise am frühen Morgen, noch bevor du dir Wasser ins Gesicht gespritzt hast, vor dem ersten Tee, vor allem anderen. Dein Körper wacht auf und beginnt diese Dinge zu tun.

    Es gibt zwei Fragen, die mir oft gestellt werden, wenn ich zurückkehre: Wie geht es deiner Familie? Und, wie viele Stunden pro Tag übst du? Das ist auch eine Art und Weise mit Musik, mit Kunst und deinem Körper umzugehen, denn diese Musik ist sehr physisch. Wir machen viele Atemkontroll- und Rhythmusübungen. Manchmal spielen wir auch sehr schnelle, technisch anspruchsvolle Pattern. Das ist körperlich teilweise recht anstrengend, aber es fordert auch mental heraus. Man könnte sagen, dass diese intensive Erfahrung des täglichen Übens über 20 Jahre hinweg deine DNA umprogrammiert und das Spielen zu einer Art Automatismus wird.

     

    Das klingt nach einer wirklich harten Schule und einer anstrengenden Form zu leben?

    Weißt Du, es ist eher etwas sehr Hingebungsvolles. Es hängt davon ab, was du mit deiner Lebensenergie machen möchtest. Hart oder nicht. Du setzt einfach deine Zeit für etwas ein. Als „hart“ empfindet man das wahrscheinlich eher von einem modernen Standpunkt her. Ich würde nicht sagen, dass es hart ist, es ist einfach das, was wir machen. Wir wachen auf und während der heiße Wind durch das Dorf bläst, spielen wir Doppelföte, bis wir wieder zu Bett gehen oder nicht mehr können.

    Mein Meister und ich haben bestimmte Trance Pattern geübt. Wir nennen sie „Lehras“. Er legte seine Uhr vor sich hin und sagte, „20 Minuten ein Pattern, ab jetzt.“ Aus westlicher Perspektive ist das möglicherweise echt hart, aber genaugenommen lernt man auf diese Weise sehr gut. Wenn du 20 Minuten ein Pattern spielst, vergisst du deinen Namen! Es ist wirklich eine Yogi-Methode mit Klang umzugehen. Im Japanischen gibt es eine Übersetzung für das Wort Musik, die lautet: „Der Genuss des Klanges“ („The pleasure of sound“).

    Welche Geschichte hat die Doppelflöte, woher kommt sie eigentlich?

    Ihre Geschichte beruht scheinbar auf dem Zusammenleben mit Tieren. In der Wüste ist das Tier entscheidend für alles: für die Kleidung, die traditionellen Häuser, das Feuer, für das Essen, die Getränke und für den Lebensrhythmus. Die Tiere nehmen also großen Einfluss. Überwiegend gibt es Ziegen und Kamele, außerdem Wasserbüffel und Kühe. In letzter Zeit auch Schafe, aber das ist eher etwas Modernes, denn sie sind nicht so gut an das Klima angepasst. Es gibt auch einige wenige Pferde, aber das ist eigentlich nicht üblich, weil es schwer ist, das Futter für sie zu besorgen. Man könnte sagen, in der Mehrheit gibt es Schafe und die Menschen sind in der Minderheit. Wie wir also mit den Tieren sprechen, das beeinflusst auch unsere Musik; das findet man in allen Hirtenkulturen auf der Welt. In Rajasthan hat sich diese Hirtenkultur mit einer Art Sufismus gekreuzt. Und der Sufismus, der sich in dieser Gegend verbreitet hat, hat sich mit der Geschichte der Indus-Zivilisation gemischt.

    Tatsächlich ist es so, dass scheinbar niemand weiß und es auch nicht wichtig zu sein scheint, woher die Doppelföten eigentlich kamen. Die Geschichte ist schließlich noch lebendig und die traditionellen Menschen haben oft nur ein geringes Interesse an solchen Fragen, denn sie sind ja noch mittendrin in diesem Leben und der Kultur. Die Instrumente könnten aus Europa gekommen sein, denn in Südeuropa gibt es viele Doppelflöten-Traditionen, die bis ins heutige Mazedonien in die Zeit von Alexander dem Großen zurückgehen. Diese Herkunft ist wahrlich überraschend, denn wir denken oft, dass die Dinge aus Asien nach Europa kamen. Aber das ist absolut nicht der Fall, die Dinge kommen aus verschiedenen Richtungen. Ich kann keine alten Abbildungen von Doppelflöten in Rajasthan finden, trotz jahrelanger Recherche. Aber es ist bekannt, dass die ältere Musik für Doppelflöte über die Region Balochistan im Iran auf den indischen Subkontinent gekommen ist.

    Warum ich mir gerade diese Region ausgesucht habe (oder sie für mich ausgesucht wurde)? Diese bestimmte Gegend besitzt technisch eine der am weitesten fortgeschrittenen und noch lebendigen Traditionen für Doppelföte in der Welt. Ich habe mich in die Wüste verliebt und spüre häufig wie es mich zu ihr hinzieht – in meiner freien Zeit spaziere ich nachts oft durch den Sand.

    Welche Namen gibt es für die Doppelflöten in Rajasthan und zu welchen Anlässen werden sie gespielt?

    Es gibt so viele Namen. Der klassische Name, der von jedem in der modernen Welt benutzt wird, ist Alghoza (Algooja). Es gibt aber auch Satara, wir nennen sie Pava, Jodiya Pava, oder Jori, oder Joria, auch Beenoon. Es gibt so viele verschiedene Namen, aber im Grunde handelt es sich um zwei Flöten und ihre vielen Variationen sowie vielfältigen Stimmungen. Die Alghoza wird gespielt, um den Regen zu rufen, um für den Regen zu danken, für Ahnen- und Trance-Zeremonien und für den poetischen Gesang (wir spielen die Dichtungen von Hazrat Shah Abdul Latif). In der Region Balochistan werden Trance Zeremonien ganz offen begangen. Auch in Rajasthan gibt es Trance-Arbeit, aber das habe ich dort niemals gesehen, es ist sehr geheim. Vielleicht ist das der beste Weg, um diese wichtige innere Arbeit zu schützen. Die meisten Doppelflöten-Spieler sind Schamanen, wenngleich sie dir das niemals sagen würden. Das Instrument verbindet also die Natur und das tägliche Leben, Trance und das Erzählen von Geschichten.

    Steev Kindwald mit einer Dreifachflöte

    Wie ist die Musik in das soziale Leben in Rajasthan verankert?

    Die Musikerkaste, mit der ich es zu tun habe, ist schriftlichen Belegen zufolge 600 bis 800 Jahre alt. In der Regel gibt es keinen Bruch zwischen den Generationen; die Weitergabe des Wissens von Generation zu Generation sollte niemals unterbrochen werden. Dennoch gibt es Menschen, die einfach keine guten Musiker sind. Das passiert hin und wieder. Dann werden sie Farmer oder arbeiten in der Textilindustrie. Die Musikerkasten arbeiten in einem Patronage-System. Meine Kaste arbeitet für die Sindhi-Sipahi, eine Art der Sindhi Wächterkaste. Es sind Hirten. Die Musiker spielen für deren Zeremonien, und vielleicht noch viel wichtiger, sie singen die Lieder der Stammlinien. Man könnte also sagen, die Musiker sind Genealogen. Die Familie des Patrons wächst, also wächst auch die Familie des Musikers und es entsteht ein riesiges Netzwerk von Beziehungen. Die Menschen leben von dieser Musik und nach einer Zeremonie werden sie mit Geschenken bezahlt, z.B. mit Tieren, Getreide, inzwischen auch mit Gold oder Geld. Weiterhin gibt es private Zeremonien, für die Musik gebraucht wird, wie Hochzeiten, Beschneidungen, Totenzeremonien und sogar für die Dichtungen über die Geschichten der älteren Männer. Die Vielfalt an Zeremonien im Lebenszyklus einer Familie ist beachtlich groß. Außerdem ist da noch die Musik für die Sufi Heiligen, was wieder etwas vollkommen anderes ist.

    Hast Du dieses Repertoire auch gelernt?

    Natürlich. Wenngleich es der Kaste mit der ich es zu tun habe, nicht erlaubt ist, mir ihre Musik zu unterrichten, damit ihre Arbeit geschützt bleibt. Wenn du also dort bist und das weißt, dann denkst du nicht einmal darüber nach oder versucht an ihre Musik heranzukommen, denn es birgt die Gefahr, dass das die Beziehung beendet. Ich habe ihr Repertoire trotzdem studiert, aber allein. Und ich frage die Menschen dort, was angemessen ist, was weit genug außerhalb ihres persönlichen Repertoires liegt.

    Kannst Du die Doppelföte etwas genauer beschreiben? Und was bedeutet dir das Instrument?

    Wir sprechen grundsätzlich über zwei Flöten (ähnlich der Blockflöten). Eine Flöte spielt die Bordunstimme, die „Nar“. „Nar“ bedeutet Schilfrohr, die Flöten wurden früher aus diesem Material hergestellt. Dieser Teil der Flöte ist männlich. Die andere Flöte ist die Sängerin, wir nennen sie „Madi“, sie ist weiblich. Für mich sind diese Flöten ein Schatz der Menschheit. Man hat es auf eine Weise mit ganz einfachen Objekten zu tun, aber weil sie paarweise gespielt werden, müssen sie genau zueinander passen. Trotz ihrer Einfachheit, ist diese Balance sehr schwer zu finden. Die Flöte hat einen Tonumfang von einer Oktave und zwei bis drei Tönen nach oben sowie vier bis fünf Tönen nach unten. Das ist abhängig von der Griffkombination, die man nimmt.

    Um näher auf die Technik der Doppelflöte einzugehen: Man wendet die Zirkularatmung an; gleichmäßiges Atmen in der Einleitung („Doha“) und rhythmisches Atmen im Melodieteil. Das Flötenpaar ist nicht untereinander verbunden. Der Bordunton aber muss stabil erklingen und dabei immer richtig zur Melodieflöte gestimmt sein. Der Spieler macht also stetig subtile Bewegungen, um die Feinstimmung zwischen den Flöten auszubalancieren. Gleichzeitig nutzt er die Zunge und den Atem-Akzente für verschiedene Staccato-Typen. Nicht zu vergessen, die Melodie und die begleitenden Patterns, die auch genutzt werden, um den Kontext zu kommunizieren, denn bei den Melodien handelt es sich um Lieder und Dichtungen mit bekannten Themen. Die Oktave entsteht durch schwierige Griffkombinationen, während der Bordun stabil erklingt und dem Rhythmus folgt.

    Man hat also ein vollständiges Instrument, das Melodien und Variationen in einem klaren Rhythmus und einem Bordunton spielt sowie verschiedene Modi für jeden Bordun, denn dieser Ton kann umgestimmt werden. Es gibt mindestens acht Stimmmöglichkeiten und Modi innerhalb jeder Stimmung. Je nach den Fähigkeiten des Spielers lassen sich diese noch transponieren. Das hält den Atem fit. Weil das Ganze einiges an physischer Kondition fordert, achte ich darauf gesund zu bleiben, ganz besonders auf Tour und wenn ich regelmäßig Konzerte spiele.

    Alle Leute, egal wo ich bin, scheinen den Klang der Alghoza zu genießen. Das ist sehr interessant, denn ich habe diese Freude, die die Schwingungen der Doppelflöte auslösen, bei meinen Konzerten in über 15 Ländern der Welt beobachten können. Auch wenn die meisten nicht wissen, was das für ein Instrument ist, ganz egal, die Flöte macht die Leute glücklich. Es scheint etwas zu sein, mit dem sich Menschen in Verbindung setzen können.

    Welches Repertoire spielst Du?

    Ich mische vier oder fünf Doppelflöten Traditionen mit Stücken, die ursprünglich keine Doppelflöten-Lieder sind, die ich aber adaptiere. In letzter Zeit habe ich viele Stücke aus dem Nar-Repertoire übertragen. Die Nar ist die alte Ney-Flöte der Region mit vier Grifflöchern. Ich mixe auch japanische Lieder und indonesische Arpeggien. Meine Phrasierung ist stark vom Jazz beeinflusst und natürlich spiele ich meine eigenen Kompositionen. Wenn ich traditionelle Musiker aus der Wüste treffen, dann sagen sie oft, „Öffne dein Herz, zeig mir, was du kannst, spiel etwas für mich.“ Das erste Mal, als ich für meinen Meister gespielt habe, sagte er, „Ah, das ist Jazz!“. Es hat mich beeindruckt, dass er diesen Musikstil kannte und ich dachte, „Gut, dann ist es das.“

    Diese Phrasierungen kenne ich seit meiner Kindheit. Der musikalisch-kulturelle Teil meiner Familie kommt aus Siebenbürgen. Die Musik dort hat Ähnlichkeit mit der Musik, die ich jetzt spiele: es wird sehr schnell gespielt, man hat es mit vielen Wechseln zu tun, die Musik basiert auf Borduntönen, auf Orgelpunkten und Modi. Ich vermische all diese Einflüsse immer stärker. Ich benutze viele verschiedene Rhythmen und wechsele die Modi. In Indien übrigens sollte man den Modus innerhalb eines Stückes normalerweise nicht wechseln. In der persischen Musik wiederrum ist das möglich. Ich liebe es diese Wechsel einzuflechten, es entsteht dadurch so eine Art Blue-Note-Effekt.

    Man spielt mit einem klaren Bewusstsein, das ist das Wichtigste dabei. Es geht nicht allein um Musik. Man spielt und das macht etwas mit dir; es geht um den Effekt, den man bewirkt, nicht nur um die Form.

     

    Gibt es etwas, das Du mit Deiner Musik erreichen möchtest?

    Wenn eine traditionelle Person ihre Musik mit dir teilt, dann ist das ein Geschenk. In Wahrheit handelt es sich um eine Verantwortung, die man übernimmt, wenn man erstmal begonnen hat sich mit der Kultur zu beschäftigen. Ich bin enorm glücklich, dass ich von meiner Musik leben kann. Menschen zu inspirieren ist unheimlich wichtig, denn mich haben auch so viele Menschen beeinflusst. Ich mache diese Arbeit, weil es mir ein echtes Vergnügen bereitet. Wenn ich drei bis fünf Mal in der Woche auftreten kann, bin ich glücklich. Ich übe viele Stunden täglich, deshalb ist es für mich ganz natürlich oft vor Leuten zu spielen. Tatsächlich ist es ekstatische Musik. Sie bringt den Menschen inneren Frieden, Freude, Wohlbefinden. Wenn man diese Gefühle eines Menschen erreichen kann, dann jongliert man in diesem Moment mit Bewusstseinszuständen.

    Ich habe darüber hinaus über die Jahre eine große Menge Feldaufnahmen mit traditioneller Musik gesammelt, die bisher nicht veröffentlicht wurden. Ich bezahle die Künstler, die ich aufnehme. Ich kümmere mich ganz diskret um ihre Familien, um ihre Probleme; das ist, was ich im Leben mache, wofür ich mich einsetze. Einige dieser Traditionen verschwinden so langsam, es wäre also an der Zeit die Aufnahmen zu veröffentlichen. Ich habe eine Menge Maultrommelmusik aus Zentral- und Ostindonesien aufgenommen; außerdem viel Musik für Doppelflöte sowie die Musik von allen Nar Meistern in Indien, die ich finden konnte. Ich habe in 20 Jahren nur neun Meister gefunden, das ist nicht genug, sie sind wirklich selten inzwischen. Weiterhin habe ich Aufnahmen von einer Menge traditioneller Trance- bzw. Ekstase-Festivals in Asien gemacht; Trance im Sinne des Umgangs mit Bewusstseinszuständen in einem spirituellen Kontext. Ich habe mit Musik aus Burma gearbeitet, weiterhin über viele Jahre mit Musik aus der Grenzregion zu Thailand. Ich möchte, dass diese Musik Wertschätzung erfährt und die Menschen in Zukunft inspirieren kann.

    Ich stelle auch selbst Instrumente her. Meine jüngste Arbeit einer Triple-Flöte mit einer Bordun-Pfeife und zwei Melodie-Pfeifen, die nicht unisono gestimmt sind, die man aber übereinander spielen kann, sowohl im legato als auch im staccato. Ein anderes Instrument, das ich baue, heißt Jajbina, es ist eine 1.50 m quergeblasene Trance-Flöte, die mit Zirkularatmung gespielt wird. Sie hat sieben Oktaven und obwohl ich schon 12 Jahre auf ihr übe, befindet sie sich immer noch in der Entwicklung. Es gibt noch ein paar wenige Einschränkungen, die mit dem intensiven Üben und Atmen in Zusammenhang stehen. Und ich will die Saluang nicht vergessen, die Trance Flöte der Minangkabau aus Sumatra. Ich untersuche deren Trance-Flöten Tradition. Die Saluang hat vier Grifflöcher in einem langen Stück Bambus. Sie wird nahezu ausschließlich im multiphonen Modus mit Zirkularatmung gespielt.

    Jajbina:

     

    Triple Flöte:

     

    Saluang:

     

    Welche anderen Flötentraditionen haben Dich noch beeinflusst?

    In den vergangenen sieben oder acht Jahren habe ich mich sehr stark für die Musikarchäologie interessiert. Ich stelle Reproduktionen von Flöten aus der Eiszeit und anderen erdgeschichtlichen Zeitaltern her. Ich arbeite auch mit der ISGMA, der International Study Group of Music Archaeology, zusammen. Über die Musikinstrumente gewinnen wir Erkenntnisse zur Entwicklung der Menschheit. So wissen wir, dass der Mensch vor 41.000 Jahren die Intervalle Sekunde, kleine Terz, Quinte und Oktave kannte. Ich konnte das durch die Reproduktion der alten Instrumente nachweisen. Die Blockflöte gibt es mindestens seit 32.000 Jahren. Darüber hinaus gibt es noch die Flöten aus dem alten Ägypten, mit welchen ich gearbeitet habe.

    Was ist es für ein Gefühl, wenn man auf den Nachbauten von alten Flöten spielt und untergegangene Klänge wieder zum Leben erweckt?

    Wenn man auf einer Flöte aus der Altsteinzeit spielt, hat das eine riesige Wirkung. Ich habe die Reproduktion einer eiszeitlichen Flöte aus der Höhle „Hohler Fels“ im Achtal in der Schwäbischen Alb für Leute auf dem Ancient Trance Festival gespielt. Das hatte natürlich seine besondere Wirkung, denn die Leute konnten den Klang hören, den schon ihre Vorfahren gehört haben. Es waren die Instrumente von Mammut-Jägern, sehr starke Personen, die mehrere Eiszeiten überlebt haben. Sie lebten in Tälern, in welchen ein Mikroklima herrschte.

    Viele dieser Instrumente betrachte ich als Zeitmaschinen. In letzter Zeit interessiere ich mich beispielsweise auch für japanische Shakuhachis. Die Leute sagen dann zu mir, „warum willst du so eine Flöte, sie ist schwer zu spielen und verstimmt.“ Ich habe geantwortet, „Es sind Zeitmaschinen, die uns ein Fenster zu dem Klang öffnen, der aus der Zeit eines nicht-verwestlichten Japan stammt.“ Man spielt also mit dem Faktor Zeit und dem Konzept der Erinnerung. Wenn man das Konzept der wohltemperierten Stimmung mal bei Seite schiebt (ein Konzept, das lediglich seit ca. 200 Jahren existiert), dann spielt man mit den Frequenzen all unserer Vorfahren und der Natur, die unsere Spezies hat wachsen lassen.

  • Die Tradition vorwärts bringen: Wie Steev Kindwald Maultrommeln baut und spielt

    Wie kaum ein anderer vereint Steev Kindwald als Musiker und Instrumentenbauer die Einflüsse verschiedenster Kulturen in sich. Einen großen Teil seiner Spieltechnik auf der Doppelföte Alghoza und den Maultrommeln hat er in Asien, vor allem in Indien und Süd-Ostasien aufgesaugt. Inspiration bieten ihm außerdem alte Instrumente; sehr alte Instrumente aus musealen Sammlungen oder gar aus archäologischen Ausgrabungen. Sein Faible für komplexe, rhythmische Strukturen verbindet Steev mit seiner Herkunft: ein Teil seiner Familie hat ihre Wurzeln in Siebenbürgen, Rumänien. Diverse Schallplattenaufnahmen, die er als Kind hörte, sollten ihm die Welt des Jazz und der Musik Indonesiens, Chinas und Japans öffnen. Steev sprach mit Helen von Dan Moi über seine Begegnungen mit Instrumentenbauern in Asien und darüber, wie er selbst an den Bau von Bambusmaultrommeln herangeht.

    Wie würdest du den Stil beschreiben, den du auf der Maultrommel spielst?

    Mountain Flamenco Gong Trance Ceremony Carpathian Rishi Monk Jogi Carnatic Jazz!!! Ich habe viele traditionelle Lieder gelernt und kombiniere ganz verschiedene Dinge miteinander. Ich versuche einzelne Elemente herauszuarbeiten: einen beweglichen Basston und ganz einfache, kurze Pattern. Diese kombiniere ich dann beim Spielen.

    Ich benutze auch rhythmische Varianten, asymmetrische Rhythmen sind meine große Leidenschaft. Vielleicht ist das der transsilvanische Einfluss, die Berge der Karpaten, wo es wirklich oft solche versetzten Rhythmen gibt. Es macht total Spaß in 15 oder 9 oder 27 oder 13 zu 4 Zählzeiten zu spielen! Jeder Rhythmus schwingt in einer Frequenz und mit der spielt man dann in den unterschiedlichsten Klangmustern.

    Der akzentuierte Atem und die Kontrolle über die Klangfarbe machen die Maultrommel zu etwas Fabelhaften. Mein Ziel ist es, die Grenzen des Machbaren immer weiter zu verschieben, indem ich zu jeder Klangebene eines Maultrommel-Songs noch eine weitere ergänze.

    Wenn ich traditionelle Melodien aus der Wüste spiele, sind die pentatonisch aufgebauten Lieder am einfachsten, aber auch am klarsten. Die Melodie ist dann richtig gespielt, wenn sie von den traditionellen Leuten wiedererkannt wird. Wenn ich ein Konzert spiele, stelle ich mir immer vor, dass Menschen, die die Tradition kennen, im Publikum zuhören. Wenn sie zufrieden sind, wie es klingt, dann ist alles richtig. Das ist meine Nagelprobe für die Qualität meiner Musik. Alles in allem: die Musik muss bis ins Herz des Publikums vordringen.

    Welche Musik hat dich inspiriert und geprägt?

    Zu allererst sind es die Klänge aus der Natur, die mich konstant inspirieren, seit ich angefangen habe, Maultrommel zu spielen. Da war ich 12 Jahre alt, also vor 37 Jahren. Ich habe gespielt, während ich im Wald spazieren ging, an den Flüssen und Seen meines Dorfes.

    Ich bin mit klassischer, westlicher Musik und Hard Bop Jazz aufgewachsen. Ich war ständig bei Bluegrass, Jazz und Blues Festivals. Ich hatte Glück, denn in unserer lokalen Bibliothek gab es Schallplatten mit ethnischer Musik, entstanden in einer Zeit, als es noch keinen Strom gab in den Gegenden, in denen sie aufgenommen wurden: Ich hörte Musik aus Kaschmir, aus dem Iran, balinesisches und javanisches Gamelan, Musik aus Marokko und Indien, Aufnahmen von Gagaku Orchestern aus China, Korea, und Okinawa, Japan.

    Diese alten zerkratzten Platten, oft mit Aufnahmen von verhältnismäßig schlechter Tonqualität, sind wirklich einzigartige akustische Zeugnisse. Mir boten sie Orientierung damals wie heute – 99 Prozent der Musik, die auf diesem Planeten gemacht wird und je in der Menschheitsgeschichte gemacht wurde, ist analoge, akustische Musik wie ich sie auf den Schallplatten meiner Jugend gehört habe.

    Die vergangenen gut 20 Jahre habe ich fast durchgängig mit Reisen verbracht, um die Musik verschiedenster Minderheiten in Asien, die Musik der Sufis, der Nomaden und der Roma kennenzulernen. Seit dieser Zeit lerne ich von Meistern der Musik und des Instrumentenbaus aus Nepal, dem tibetischen Himalaya, der indischen Wüste, der klassischen, südindischen Musik, der Musik aus dem Hochland verschiedener Teile Südostasiens oder den Genggong Ensembles in Zentralindonesien.

    Ich konzentriere mich darauf, Traditionen nicht bloß nachzuahmen, sondern sie in mein Spiel einfließen zu lassen und so eine hybride Musik zu schaffen, die im Original verwurzelt ist, gleichzeitig eine meiner Kreation und es vermag zu bezaubern.

    Wo hast du gelernt Maultrommeln zu bauen und mit wem arbeitest du beim Maultrommelbau zusammen?

    Die Anfertigung von Maultrommeln habe ich an jenem Ort gelernt, in den ich mich während eines Spaziergangs verliebt habe – in der Wüste. Seit etwa 20 Jahren bin ich eng verbunden mit den Familien von zwei Morchang Schmieden im Westen von Rajasthan. Ich sehe die ältere Generation gehen, die mittlere Generation wie sie noch aktiv und die jüngere Generation wie sie – wenn alles gut geht – die Tradition aufnehmen wird.

    Diese Leute arbeiten durchgehend mit ihren Händen. Es gibt dort keine Maschinen, nur Glühlampen vielleicht, damit man auch in der Dunkelheit arbeiten kann. Ich helfe mit; lerne von ihnen; wir suchen zusammen die Metalle aus; wir versuchen die Qualität zu verbessern; wenn sie sich ihre Augen oder Hände verletzen, ist es Zeit für eine Pause; oft koche ich für sie; wir essen und trinken zusammen; wir sehen wie die Tiere krank werden und kümmern uns um sie.

    Alles in allem ist es ein Experiment, das das ganze Leben umfasst. Natürlich fertigen diese Leute nicht ausschließlich Maultrommeln an. Tief in ihrem Inneren sind es Nomaden. Viele aus der älteren Generation sind im Alter zwischen 15 und 30 Jahren mit Eselskarren von Dorf zu Dorf gereist, haben Werkzeug repariert und selbstgefertigte Geräte aus Metall verkauft. Sie können unglaubliche Geschichten erzählen, es sind wirklich faszinierende Menschen.

    Weil sie einer niedrigen Kaste angehören, haben sie es mit allen möglichen Leuten zu tun, die Metallwerkzeuge brauchen: Hindus aus niedrigen und höheren Kasten, Muslime aller möglichen Art, Roma, Minderheiten, sogar mit Ausländern. Sie bewegen sich also wahrhaftig zwischen verschiedenen Welten. Es sind magische Menschen, auch wenn das wie ein Klischee klingt, es stimmt!

    Seit 1999 lerne, forsche und arbeite ich außerdem mit Schmieden aus Ostbali, aus einigen Regionen von Java, Westindien, Pakistan, Nepal, Burma, Thailand, Kambodscha und Japan. In den Bergen von Laos habe ich verschiedene Familien besucht. Sie stellen unheimlich detaillierte Maultrommeln aus dem Schrott von Kriegsmaterial her.

    Es wäre schwer, so etwas mit einer Maschine herzustellen. Diese Leute stellen sogar ihre eigenen Werkzeuge her! Ein großer Teil ihrer Handarbeit ist so genau, dass man es nicht mal mit einem Laser so hinbekommen würde. Sie haben Arbeitstechniken entwickelt, die fortschrittlicher sind, als so manche Maschine von heute.

    Bei einer hochwertigen Genggong aus dem Stamm einer Palme beträgt der Abstand zwischen Zunge und Rahmen etwa 0,2 mm – die bei Schweizer Uhren gerade noch akzeptable Abweichung darf 0,3 mm betragen …

    Wie baust du Maultrommeln?

    Mir ist Handarbeit am liebsten. Hin und wieder benutze ich einen Lötkolben, um damit detailreiche Muster zur brennen. Ansonsten gilt: Handarbeit und so wenig Werkzeuge wie möglich. Genauso wie es die Meister und Lehrer machen, mit denen ich in den letzten Jahren zusammen war.

    Ich werde oft gefragt, ob die Instrumente, die ich baue, traditionell sind oder von mir gefertigt wurden. Man kann den Unterschied nicht mehr erkennen. Das ist gut, es bewahrt die Ursprünge. Ich baue Maultrommeln, die ihre Wurzeln in der Tradition haben und gleichzeitig sind es Hybriden. Das hält die Tradition am Leben.

    Zur Zeit arbeite ich wie besessen an der Perfektionierung der Doppel-Genggong, mit der man zwei verschiedene Töne in einem Instrument spielen kann. So etwas gibt es in der Tradition gar nicht und genau das ist das aufregende daran.

    Du reist mit einer schuhkartongroßen Kiste, in der Duzende Maultrommeln liegen. Welche Instrumente verbergen sich in dieser “Magic Jaw Harp Box“?

    Darin befinden sich verschiedene Arten Bambus-, Palmenstamm- und Metall-Maultrommeln. Die meisten davon habe ich gebaut. Viele dieser Instrumente werden mit einem Strick in Schwingung versetzt, es sind sogenannte Zupfmaultrommeln; sie heißen Genggong in Indonesien, wo sie am bekanntesten sind.

    Diese Instrumente sind mir wirklich ans Herz gewachsen, weil sie so aufregend sind. Die Leute mögen sie, weil man mit ihnen einen schier unvorstellbaren Klang erzeugen kann und weil sie auf eine angenehme Art und Weise herausfordernd zu spielen sind.

    In der Box habe ich auch Maultrommeln, die ich aus Java und Ostbali mitgebracht habe. Viele weitere Instrumente, die ich hergestellt habe, sind nach Modellen aus der Sammlung des Ethnologischen Museums in Berlin angefertigt, mit deren Katalog ich gearbeitet habe. Die Modelle stammen aus Sammlungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Ich fertige akkurate Reproduktionen dieser Instrumente an und vergleiche diese dann mit den noch lebendigen Traditionen in Gegenden, die ich auf der Suche nach dem perfekten Klang in den vergangenen 20 Jahren fast nonstop bereist habe.

    Die erste Maultrommel, die ich als Kind besaß, war eine dieser Snoopy-Maultrommeln von dürftiger Qualität, dafür aber sehr robust. Wenn man sich wirklich bemüht auf so einem Instrument gut zu spielen, dann schafft man es trotz des breiten Spaltes zwischen Rahmen und Zunge starke Obertöne und ein Vibrato hervorzubringen.

    Wer auf einem schwer spielbaren Instrument lernt, wird ein*e ziemlich gute*r Maultrommelspieler*in werden, denn man muss das Instrument über seine Grenzen hinaus beanspruchen. Manchmal ist es also sogar besser auf einem schwer spielbaren Instrument zu beginnen, um ein Gefühl für Dynamik und Stärke zu entwickeln.

    Welche Instrumente inspirieren dich beim Maultrommelbau?

    Wenn ich ein Instrument baue, ist mein Anspruch, dass es von höchster Qualität sein soll. Ich fertige viele Hybride an, die von Maultrommeln aus dem Himalaya, aus Tibet, aus Borneo oder Sachalin beeinflusst sind. Dabei sind auch Metall-Maultrommeln, die in den vergangenen Jahren aus einem Recycling-Gedanken heraus entstanden sind. Die von mir gebauten Instrumente sind beständig und mit einem ausgezeichneten Sound ausgestattet, der die Leute inspiriert. Die Leute verlieben sich in den Klang und wer bereit ist etwas Zeit zu investieren, wird lernen, gut auf ihnen zu spielen.

    Andere Instrumente stammen aus Indien, Pakistan, China, Nepal, Laos und Japan. Ich kaufe seit Jahren bei den gleichen Schmieden und arbeite auch mit ihnen zusammen soweit das möglich ist. Mich faszinieren Menschen, die Dinge mit ihren Händen herstellen. Sie leben in echtem Kontakt mit ihrer Welt, mit den Dingen, die sie herstellen und sind dabei wirklich verbunden mit ihrer Umgebung. Sie haben unheimlich viel Wissen mit mir geteilt und haben mich dabei stark beeinflusst. Das wirkt sich z.B. so aus, dass ich meine Instrumente jetzt mit sehr detaillierten Verzierungen versehe.

    Dazu gehört auch mit Metall zu arbeiten und den Prozess der Bambusbearbeitung zu lernen (eine riesige Welt im Übrigen), damit das Material stabil und widerstandsfähig wird. Das meiste Bambus sammele ich selbst in Japan, Laos, Burma, Nepal und Nordthailand – in Indonesien sammele ich Palmstämme in den Waldgärten der Berge, das ist immer ein großes Abendteuer! Dieses Material kann man nicht in einem Laden kaufen.

    Eine bereits lang bewährte Technik ist es, Maultrommeln und andere Werkzeuge aus sehr hartem und stabilem, geräucherten Bambus von Häuserdächern zu verwenden, wo täglich Feuer gemacht wurde – mancher Bambus ist bis zu 200 Jahre alt!

    Immer, wenn ich sehe, dass ein altes, traditionelles Haus niedergerissen wird, dann ist es Zeit diesen alten Bambus für Musikinstrumente zu sammeln.

    Wie lange gibt es das Instrument Maultrommel auf der Erde Deinen Recherchen und Erfahrungen zu Folge schon?

    Es gibt Instrumente auf Papua-Neuguinea, die direkt mit der Hand geschlagen werden. Diese könnten die ältesten Vorgänger der heutigen Maultrommeln sein, weil sie mit einem einfachen, idioglotten Rohrblatt bzw. einer Zunge als Tonerzeuger gebaut sind. Ein Mensch aus der Steinzeit, wird sein Instrument eher direkt angeschlagen haben, und noch keine Schnur zu Hilfe genommen haben wie es heutig üblich ist.

    Außerdem waren diese Instrumente ganz leicht herstellbar, man benutzte Werkzeuge aus Stein, um den Bambus zu spalten und zu schnitzen. Wir wissen, dass die Inseln von Papua bereits vor 20.000 bis 60.000 Jahren von Menschen bewohnt waren. Deshalb kann man sich leicht vorstellen, dass diese Instrumente mindestens 30.000 Jahre und älter sein könnten. Natürlich finden wir dafür keine archäologischen Belege mehr, denn Bambus überdauert eine solch lange Zeit nicht.

    Wie diese Instrumente wohl geklungen haben mögen? Es gibt Leute, die sagen, dass die Maultrommel wie ein analoger Synthesizer klingt und dass die Musik, die man damit schon vor hunderten Jahren spielen konnte, sozusagen auf den heute modernen (im Sinne von elektronisch erzeugten) Klang vorgegriffen hat.

    Wir wissen das natürlich nicht, aber wenn man mit den Instrumenten lebt und sie die ganze Zeit spielt – nicht im Sinne des Übens, aber als Teil des Lebens – dann bekommt man schon eine klarere Vorstellung davon, wie die Instrumente geklungen haben könnten.

    Auf Papua, wo die Maultrommel schon seit Jahrtausenden gespielt wird, gibt es die größte Konzentration von Sprachen in der ganzen Welt. Die Sprachvielfalt ist so enorm, weil die Täler der Insel voneinander isoliert waren und aufgrund kontinuierlicher, ritueller Kriegsführung. Man bedenke nun: ein großer Teil der asiatischen Maultrommelmusik scheint auf Sprache zu beruhen, z.B. drückt die Musik der Hmong Dinge aus, die man mit dem Mund nicht sagen kann; sie verschlüsselt Kommunikation, Sprache, Rätsel, Poesie, Liebeserklärungen und geheime Verabredungen.

    Man kann sich also vorstellen, dass diese Musik Formen der Kommunikation und natürliche Klänge vereint hat und darüber hinaus Auswirkungen auf Geist und Körper hatte.

    Neben der Doppelflöte spielst du in deinen Konzerten auch verschiedene Maultrommeln. Wie entscheidest du, welche Musik du in einem Konzert spielst?

    Man nimmt die Stimmung auf und legt los. Natürlich gibt es immer Stücke, die ich vorgeplant habe, aber es ist meistens das bestes, die Stimmung den Rahmen für die Musik setzen zu lassen.

    Was ich gern mache ist, mir vom Publikum eine Zahl geben zu lassen, um einen improvisierten Rhythmus zu bauen. Das ist auch eine Herausforderung für mich, einer Zahl eine klangliche Form zu verleihen. Das wichtigste ist, den Menschen im Publikum etwas zu geben, das sie nährt und das sie noch in ihren Träumen erinnern werden.

    Könntest du zum Schluss noch ein Stück auf einer deiner Maultrommel spielen?

    Diese Maultrommel, sie heißt lubuw (lubu), kommt von einer ethnischen Gruppe, die auf Taiwan lebt. Sie besitzt drei Zungen. Man reißt an der Schnur und hält den Rahmen zum Spielen so, dass eine der Zungen erklingt. Die anderen Zungen werden abgedeckt, damit sie nicht mitschwingen. Das macht den klaren Klang aus. Manchmal klingen aber auch die anderen Zungen mit, z.B. wenn man zwischen zwei Zungen wechselt. Genau dieser Klang macht die spezielle Klangfarbe aus.

    Viele ethnische Gruppen Taiwans haben solche Instrumente, wie z.B. die Ami oder Atayal. Der Rahmen besteht aus Bambus, die Zungen sind aus Metall geschmiedet. Traditionell wurden sie aus den Gürtelschnallen der Kolonialbevölkerung gefertigt, denn woher hätten diese Leute früher Metall bekommen sollen?

    Wenn man diese Instrumente spielt, bleibt es nicht aus, dass man mit einer bestimmten Geisteshaltung, einem bestimmten Bewusstsein spielt. Ich will damit sagen, wenn man viele Jahre damit verbringt drei- oder mehrzüngige Maultrommeln zu spielen, dann spielt man unter Umständen auch mit seinem mentalen Zustand.

    Menschen arbeiten mit verschiedenen mentalen Zuständen. Wenn man viele Jahre mit seinen Händen arbeitet, dann sind die Hände aktiv, werden beweglich. Das gleiche gilt für ein Musikinstrument, dadurch kommt man den Menschen, die diese Instrumente ihr Leben lang gespielt haben näher. Man empfängt immaterielle Informationen – und, indem man die Instrumente selbst spielt, sendet man natürlich auch immaterielle Informationen.

     

    * Im Shop von DAN MOI findet ihr eine Auswahl mit Maultrommeln von Steev Kindwald. Jede ist ein Unikat.

  • Raus aus dem Alltag: Eine Gedankenreise mit dem Maultrommelspieler Yoeman

    Joachim Hellmann ist in seinem Wohnort in der Uckermark für seine Maultrommel-Leidenschaft bekannt. Eigentlich unterrichtet er Qi Gong und Taijiquan und arbeitet als pädagogischer Mitarbeiter an einer Grundschule. Manchmal spielt er aber auch mit den Kindern Maultrommel. Und hin und wieder wird er gefragt, ob er nicht einfach mal so zum Spaß ein Stück auf dem kleinen Hosentascheninstrument hervorzaubern kann. Auch auf Camps oder Festivals ist er mit der Maultrommel unterwegs, dann unter seinem Pseudonym Yoeman. Er sagt, die Maultrommel ist ein Spaßmacher und ein Kontaktmacher. Sie verbindet Menschen. Die Maultrommel ist aber auch das perfekte Instrument für Momente, die man allein verbringt; besondere Momente, wie etwa nach dem Auftritt von Yoeman im Sommer 2019 beim Ancient Trance Festival …

    Auf dem Marktplatz der Stadt Taucha ist es ganz still geworden. Die letzten Festival-Stände klappen ihre Tische zusammen und verstauen ihre mit Armbändern, Traumfängern und farbigen Klamotten gefüllten Boxen. Auf der Bühne rollt ein Techniker die letzten Kabel zusammen. Eine Gruppe mit Leuten ist nach dem Konzert noch auf dem warmen Kopfsteinpflaster sitzen geblieben und lässt den Tag ausklingen. Am Bühnenrand steht Yoeman und unterhält sich noch mit einem seiner Zuhörer während er Maultrommeln und eine Wasserflasche in den Rucksack schiebt. Mit einem wohligen Gefühl aus Energie und Erschöpfung von einer Stunde mitreißendem Konzertprogramm schwingt er sein Gepäck über die Schulter, verabschiedet sich vom Festivalgast und drückt sich flink zwischen den Lautsprechern am Bühnenrand vorbei auf die andere Straßenseite. Der auto- und menschenleeren Parkplatz hinter einem der Stadthäuser von Taucha ist wie gemacht für eine Auszeit. Nur wenn eine Katze dem Bewegungsmelder in die Quere kommt oder Yoeman eine ausladende Bewegung macht, geht ein Hauslicht an und blendet für ein paar Momente die sommerliche Dunkelheit. Yoeman lässt sich auf einer Bank fallen, die müde an der Hauswand lehnt. Stellt den Rucksack an den Fuß des Ruheplatzes und atmet tief durch.

    Aus dem Rucksack zieht er einen Holzkasten so groß wie ein Bilderbuch. Er öffnet den Verschluss, klappt den Deckel auf und betrachtet nachdenklich die Instrumente, die sich in kleinen Fächern von ihrem eben absolvierten Liveprogramm ausruhen. Yoeman greift nach der Vargan, die von einem Schmied im Ural gebaut wurde. Mit der kann man schöne, tiefe, entspannende Trance spielen. Er zupft nur einmal an der Feder, dann lässt er den Ton klingen bis zur allerletzten Nuance. Wie kann man jemandem die Beziehung zu seinen Instrumenten beschreiben? Yoeman greift meist intuitiv zu der Maultrommel, die zu seiner jeweiligen Stimmung passt. Seine Gedanken schweifen zurück zum Konzert. Heute hatte sich die Musik ganz selbstverständlich von seinem ursprünglichen Plan wegentwickelt. Der Plan, der beim letzten Konzert so gut funktioniert hatte, verselbstständigte sich hier in Taucha. Der Flow hat Yoeman einfach weggetragen. Es geht so viel um die Energie im Raum und mit dem Publikum. Wenn die Leute mitgehen, voll dabei und locker sind, dann kann man es genießen, die Musik einfach auf sich zukommen zu lassen. Auf die Ankerpunkte, die sich in über 30 Jahren Spielpraxis gebildet haben, ist Verlass: Spieltechniken, eigene Songs und Gespür.

    Yoeman betrachtet die Vargan noch einmal flüchtig und legt sie dann in die Box zurück. Sein Blick fällt auf eine Maultrommel aus der Ukraine. Nicht teuer gekauft und dabei gut spielbar, mit einer guten Stimmung. Ideal für Workshops, aber auch ideal, um selbst darauf zu spielen. Ein abgefahrenes Instrument. Man kann mit ihr einen langsamen, obertonreichen Beat spielen und Fingerstopps in den Flow einbauen, ganz so wie mit den Maultrommeln von Zoltán Szilágyi und von Andreas Schlütter, die Yoeman für seine Spieltechnik favorisiert.

    Diese ukrainische Maultrommel liegt fest in der Hand. Yoeman umschließt sie mit seiner linken Hand, um sich daran zu erinnern. Das Metall ist von der Sommerluft noch ganz warm und fühlt sich ungewöhnlich weich an. Dieses Instrument lässt sich auch dann noch gut halten, wenn man länger darauf spielt. Wenn die Musik ganz ohne Loops und Effekte entsteht, wie bei Yoeman, ermöglicht der feste Sitz zwischen den Fingern, dass man minutenlang auch ohne Stopps, Breaks und Absetzen spielen kann. Dass man mit diesen Instrumenten darauf verzichten muss besonders schnelle Schläge zu spielen, ist leicht zu verschmerzen und lediglich eines dieser Kriterien, wonach Yoeman je nach Song und Stimmung die passende Maultrommel auswählt.

    Als Yoeman Anfang der 80er Jahre in Suhl zur Schule ging und mit seinem besten Freund in das örtliche Musikgeschäft stolperte, um dort die Maultrommel zu entdecken, hätte wahrscheinlich keiner gedacht, dass ihn das Instrument so lange in seinem Leben begleiten würde. Dabei hätte der Zufall rückblickend betrachtet nicht größer sein können, denn das Musikhaus in Suhl war das einzige Geschäft in der ganzen DDR, das Maultrommeln aus der nahegelegenen Werkstatt von Friedrich Schlütter in Zella-Mehlis verkaufte. Als ihn einmal eine Zuhörerin nach dem Konzert fragte, wie seine lange Beziehung mit der Maultrommel eigentlich zu Stande kam, antwortete er: „Ich hab die Maultrommel recht viel gespielt. Für mich war das ein schöner Zugang zur Musik, ein einfacher. Irgendwann habe ich mir aus Leder eine Halterung für meine Maultrommel gebaut. Anfang der 90er Jahre stand ich dann sogar auch schon zwei-, dreimal auf der Bühne. Vor ca. zehn Jahren hab ich beim Ökotopia Festival ein bisschen Maultrommel gespielt und dort haben mich Leute gefragt, ob ich das Ancient Trance Festival kenne. Ich bin mit meiner Familie dann quasi von dem einen Festival direkt zum nächsten gefahren und komme seither zu jedem Ancient Trance“.

    Dass er jetzt hier auf dieser Bank am Marktplatz von Taucha sitzt, ein aufregendes Konzert für das Ancient Trance Publikum im Rücken, lässt ihm bewusst werden, wie eng die Verbindung zu dem Festival und seinen Instrumenten in den letzten Jahren zusammengewachsen ist. Dabei hat er den Maultrommelspieler*innen ganz am Anfang nur zugeschaut, sich irgendwann aber gefragt, warum er eigentlich nicht auch selbst ein Konzert hier spielt. Die Auftritte auf Bühnen wurden häufiger – nicht nur in Taucha. Wenn er mit seiner Familie im Sommer unterwegs ist, spielt Yoeman Straßenmusik, hat eigene Songs und diese auch auf CD aufgenommen. Das Festival in Taucha ist für ihn zur Inspirationsquelle geworden. Hier hat er die atemberaubenden Beats von Aron Szilágyi und den Airtists gehört. Musik, die Einfluss genommen hat auf seine eigene Spielweise, die intuitiv schon Jahre vorher Maultrommel mit Stimme und Beatbox kombiniert hatte.

    In der Uckermark ist Yoeman mit der Maultrommel oft der Exot. Manchmal trifft er in seinen Workshops auf Gruppen, da kennen von 50 Menschen nur zehn die Maultrommel. Das Besondere an diesen Momenten ist, dass sofort die Neugier von den Leuten geweckt ist. Sie fragen, „wie machst Du das?“. Die Maultrommel verbindet, macht Spass, sie entspannt. Und beim Ancient Trance Festival fühlt es sich für einen Maultrommelspieler an, als komme er nach Hause. Yoeman bemerkt, wie er die ukrainische Maultrommel immernoch fest in der Hand hält. Er setzt sie an und spielt eine kurze galoppierende Melodie mit zahlreichen Fingerstopps. – Jedes Mal, wenn er nur für sich spielt, öffnet sich ein weiter Raum und trägt ihn weg vom Ort, der Zeit und raus dem Alltag.

    Webseite & CD von Yoeman: https://yoema-wuoap.jimdofree.com/reinhören/

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