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Die Akustik der Maultrommel: Robert Vandré und die Faszination der Maultrommel-Physik

Was hat das Maultrommelspielen mit dem Sprechen zu tun? Robert Vandré sagt, man lerne viel über die Maultrommel, wenn man sich mit den physiologischen und physischen Vorgängen des Sprechens beschäftigt. Es gibt ähnliche Mechanismen, die sowohl beim Sprechen als auch beim Maultrommelspielen den Klang bilden, z.B. die Bewegung der Zunge oder die verschiedenen Resonanzräume im Kopfbereich. Robert Vandré ist Hobbymusiker und seit über 20 Jahren auch Maultrommel-Akustiker. Vandré ist Autor einer Maultrommelschule und eine Instanz für detailbegeisterte Maultrommelspieler*innen, denn er hat das Instrument bis ins Mark untersucht und vermessen. Bisher existieren nur wenige Studien über die akustischen Parameter der Maultrommel. Seine seit 2002 betriebene Webseite rvandre.de gehört zu den wenigen Quellen, die die Schalleigenschaften der Maultrommel auf Grundlage handfester Zahlen umfassend analysiert. Deshalb ist sie ein Schatz für Instrumentenkundler*innen und Akustiker*innen, aber gleichzeitig auch eine Fundgrube für Maultrommelspieler*innen, die tiefer in das Instrument und seine Funktionsweise einsteigen wollen. Helen von Dan Moi traf Robert 2017 zum Ancient Trance Festival in Taucha.

Quelle: http://rvandre.de/toene.html.

Der naturwissenschaftliche Ansatz

Die akustischen Bedingungen für die Maultrommeln haben mich sehr interessiert. Ich bin Naturwissenschaftler, Ökologe, arbeite als Bodenkundler und Botaniker. Musik ist mein Hobby. Ich hab also einen ganz anderen Zugang zu den Instrumenten, als viele andere Maultrommelspieler. Mich interessiert schon wie sich das anfühlt und was die Maultrommelmusik mit der Seele macht. Aber ich nehme die einzelnen Faktoren auch auseinander und will wissen wie die Instrumente physikalisch funktionieren. Ich bin eher der Techniker, der sagt, das ist Rhythmus, das Melodie, das macht das Zwerchfell, das machen die Finger, das macht der Atem, das ist Artikulation. 

Robert Vandré hat die Maultrommel akustisch untersucht, gemessen und Daten ausgewertet. Er nahm die Töne einer Maultrommel auf und fertigte mit Hilfe eines Computerprogramms Frequenzspektren dieser Töne an. Die Spektren bilden die Obertöne ab, die in einem Maultrommelton mitschwingen. Bereits seit dem Jahr 2002 betreibt Robert Vandré seine Webseite rvandre.de, auf der er diese Untersuchungen dokumentiert und öffentlich zugänglich macht. Man sieht in den Grafiken, welche Obertöne in einem Klang wie stark ausgeprägt sind und versteht dadurch wie sich ein Klang physikalisch zusammensetzt. Das Ergebnis der Untersuchungen sei verblüffend gewesen, sagt Robert Vandré, „ich war sehr überrascht, wie regelmäßig das Muster des Klanges ist, den die Zunge der Maultrommel generiert.“ Anhand seiner Messungen lässt sich nachvollziehen, wie die Maultrommel funktioniert: Maultrommeln haben jeweils einen Grundton, alle weiteren Töne der Maultrommel sind Obertöne dieses Grundtons, die durch den Maultrommelspieler durch gezielte Bewegungen des Mund- und Rachenraums angesteuert werden können. 

Die Maultrommel habe ich vor vielen Jahren mal auf einem Festival entdeckt. Dort gab es Schwarz-Maultrommeln aus Österreich. So eine habe ich mir damals gekauft und darauf ein bisschen rumgeschnarrt. Ich dachte zuerst an Snoopy von den Peanuts, der spielt ja Maultrommel, zum Beispiel spielt Snoopy im Bus. Also habe ich mit meiner Maultrommel rumprobiert und bin so weit gekommen, dass ich Melodien spielen konnte, die die anderen Menschen in meiner Umgebung erraten mussten. Dann ist das Instrument erst mal jahrelang liegengeblieben und bei mir in Vergessenheit geraten, bis ich nach Frankfurt auf die Musikmesse fuhr. Auch das ist jetzt schon viele Jahre her. Dort gab es einen Stand mit ungarischen Maultrommeln von Szilágyi. Ich hab mir eine gekauft und schon auf der Zugfahrt nach Hause hat es mich total gepackt: es war richtig klasse mit einer guten Maultrommel zu spielen und darauf Sachen auszuprobieren. Und so bin ich dann richtig neugierig geworden: wie funktioniert so eine Maultrommel, was steckt physikalisch dahinter? Ich begann rumzuprobieren, mir Gedanken zu machen und Sachen zu lesen, z.B. von Sprachwissenschaftlern, die beschreiben wie im Vokaltrakt ein Ton entsteht und geformt wird." 

Die richtige Maultrommel finden

Das akustische Interesse bleibt nicht nur theoretisch. Robert Vandré hat seine eigene Technik entwickelt, wie er Maultrommeln verbessert, die nicht so gut klingen. „Ich spiele sehr gern die Maultrommeln aus der Werkstatt von Josef Jofen, der heute leider keine Maultrommeln mehr baut, weil er in Rente gegangen ist. Dann spiele ich gern Schlütter- und Szilágyi-Maultrommeln, die sind beide sehr gut. Wenn mal eine nicht so gut klingt, dann habe ich das Ende der Zunge, das man mit den Fingern anschlägt, mit der Zange etwas gekürzt und wieder krumm gebogen. Dann stimmt zwar die Tonhöhe nicht mehr, aber das war mir egal, es sind heute meine besten Maultrommeln.

Ein gutes Instrument zu finden, ist bereits für Anfänger*innen ganz wichtig. Aber wie findet man ein gutes Anfängerinstrument? „Wenn man die Gelegenheit hat, ist es auf jeden Fall gut an einem Stand, wo es Maultrommeln gibt, einige auszuprobieren“, empfiehlt Robert Vandré. „Wichtig ist ein Instrument mit einer weichen Zunge zu wählen, damit die Instrumentenzunge nicht mit zu viel Energie an den Zähnen schwingt. Die Maultrommel sollte dabei trotzdem einen guten Klang haben.“ Für Robert liegt das Geheimnis einer guten klingenden und gut spielbaren Maultrommel in der Länge des abgebogenen Teils der Zunge. Dieser sollte wie oben beschrieben kurz sein, damit die Gegenschwingung nicht so stark ausfällt, denn dann kann das Instrument einen schönen Klang entfalten.

Quelle: http://rvandre.de/spieltechnik.html.

Mit Körperbeherrschung spielen

Wie die meisten Maultrommelspieler ist auch Robert Vandré Autodidakt, jedoch gibt er sein Wissen inzwischen an andere weiter. Um neuen Maultrommelspielern den Einstieg zu erleichtern, hat er seine Kenntnisse in einem Kurs zusammenstellen, der auch als Heft veröffentlicht ist. Hin und wieder leitet Robert Vandré auch Workshops für Maultrommeleinsteiger oder auch für Fortgeschrittene Spielerinnen und Spieler. 

Was mich bei der Maultrommel hält ist, dass der Klang nach innen geht und es wirklich gute Laune macht. Es ist einfach schön zu spielen. Mir macht es auch Spass die Maultrommel mit Körperbeherrschung zu spielen, d.h. mit kontrolliertem Atem wie Aron Szilágyi das fantastisch macht. Kontrollierte Rhythmen, kontrollierte Stücke, Choräle, Volkslieder, also wirklich Musik auf der Mautlrommel spielen und nicht nur Geräusche. Das ist, was mich interessiert. Ich will da richtig Musik drauf machen. Als ich die Maultrommel für mich entdeckte, kam sie als Musikinstrument im öffentlichen Raum, soweit ich mich erinnern kann, so gut wie gar nicht vor. Nur das Sprungfedergeräusch als Klangeffekt tauchte hin und wieder mal auf. Außerdem war da die Titelmelodie der Sesamstraße: aber da spielt die Maultrommel gerade einmal zwei Tönen im Rhythmus. Die Maultrommel als Melodieinstrument schien es gar nicht zu geben. 

So wie ich das sehe, gibt es in Deutschland so gut wie keine lebendige Maultrommeltradition, höchsten dann im Alpenraum, Richtung Molln, in Österreich. Das Maultrommelspielen ist hier völlig neu erfunden worden. Wirklich wieder zum Leben erweckt hat die Maultrommel hier in Deutschland eigentlich erst die Weltmusik-Szene, genauer eigentlich jene Leute, die sich mit Spiritualität beschäftigen, also über das Gefühl den Zugang zur Maultrommel finden.“ Wirklich gute Maultrommelspieler, sagt Robert Vandré habe er erstmals 2007 gehört, beim ersten Ancient Trance Festival, das damals noch in Leipzig stattfand. „Den guten Maultrommelspielern auf die Finger schauen zu können, war der Antrieb für mich sich weiter mit Maultrommeln zu beschäftigen. 

Hier könnt ihr Robert hören. Er spielt das Stück "Abendspaziergang":