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Die Königin der Flöten: Die Bassflöte Fujara

Als der Parlamentspräsident (und spätere Staatspräsident) der Slowakei Ivan Gašparovič 1995 das Kulturzentrum der slowakischen Stadt Detva feierlich eröffnete, bereitete er den Gästen auf dem Empfang ein erinnerungswürdiges Geschenk: er nahm die Einladung eines Gastgebers an, eine Melodie auf der in der Region beheimateten Flöte Fujara zu spielen. Ohne zu zögern setzte Gašparovič an und bot ein Stück auf der mannshohen Bassflöte dar. Keine andere Geste hätte besser vermitteln können, wie stark sich Gašparovič mit der slowakischen Kultur verbunden fühlt. 

Foto von Tibor Szabó.

Die Kleinstadt Detva, gelegen in einer Talsenke am Fuße der Westkarpaten in der Zentralslowakei, ist bereits seit den 1960er Jahren als Zentrum gelebter slowakischer Folklore bekannt. Detva ist auch die Wiege der Hirtenflöte Fujara. Im Gedächtnis der Slowaken hat die Fujara den Gedanken an nationale Souveränität und Unabhängigkeit bereits ganze 300 Jahren lang betragen. Mit der Gründung der Slowakei 1992 avancierte die Fujara dann nicht nur zum kulturellen, sondern auch zum nationalen Wahrzeichen. Ausdruck dieser Symbolträchtigkeit ist nicht zuletzt, dass Ivan Gašparovič seinen Staatsgästen gern eines dieser ausgefallenen Instrumente als Geschenk überreichte. Wir betrachten die Fujara in diesem Spannungsfeld zwischen nationaler Verankerung, kultureller Anpassungsfähigkeit und zeitbasierter Neuorientierung.

Es ist ihre auffallende Größe, ihre Bauform und ihr Klang, die sie unter den europäischen Flöten zu etwas ganz Besonderem macht: die Fujara tönt dunkel, weich und organisch, gleichzeitig aber auch agil, fremd und futuristisch durch die beißend hohen Obertöne auf bis zu vier Oktaven. Die Melodien entstehen durch die geschickte Kombination von Grifftechniken und dem Überblasen der Grundtöne. So werden Klänge wach, die rauschen, strömen, sanft aufkreischen, rufen und dabei immer wieder in flüsternden Klangfarben in sich ruhen.

Instrument der Räuber und der Schäfer

Zu den slowakischen Fujara Meistern gehören u.a. Pavol Smutný, Tibor Kobliček, Juraj Kubinec und Dušan Holík. Sie beherrschen die überlieferte Spielweise. Traditionell bezieht sich die Fujara auf ein überliefertes Repertoire von Hirten- und Banditenliedern. Ja, Wegelagerer und Räuber waren auch Wegbegleiter der Fujara. Sie sollen – so erzählt es die Geschichte der Zentralslowakei – auf den Weiden und in den Wäldern gewissermaßen in Nachbarschaft mit den Schafhirten der Region gelebt haben. Die Hirten hüteten ihre Schafe in Begleitung von Musik und spielten auf unterschiedlichsten Flöten. Am bekanntesten sind zwei von ihnen: die kleine Koncovka und die große Fujara. Die Koncovka wird manchmal als kleine Schwester der Fujara bezeichnet. Sie ist ca. 50 cm lang und besitzt keine Grifflöcher. Die Töne werden allein durch Überblasen sowie durch Öffnen und Schließen der unteren Öffnung der Flöte erzeugt. Die größere Flöte, die Fujara, galt als Instrument des Herdenführers und obersten Schafhirten. Die kleinere Koncovka wurde eher von seinen Gehilfen gespielt. Auch deshalb wird die Fujara als „die Königin der slowakischen Musikinstrumente“ bezeichnet.

Die oben erwähnte Nähe von Schäfern und gesellschaftlichen Außenseitern hat sich im Repertoire slowakischer Lieder niedergeschlagen: Die Lieder berichten nicht nur vom Leben in der Natur und bekräftigen ein humanes, aufrichtiges Miteinander; es sind auch improvisierte Stücke, die den Lauf des Flusses oder das Rauschen der Wälder nachempfinden. Die entrechteten Menschen, die außerhalb der Dörfer wohnten, brachten den Ruf nach Gerechtigkeit und Freiheit, gegen Besetzung und Unterdrückung in das Liedgut ein. Sie sind es auch, die heute als erste Verfechter slowakischer Unabhängigkeitsbestrebungen gelten. Ihr bekanntester Vertreter war der Räuber Juraj Jánošík, der heute als Nationalheld geachtet wird.

Fujara Spieltechnik & Repertoire

Das überlieferte Liedgut für die Fujara kombiniert Instrumentalspiel und Gesang. Die Fujara-Spieler waren und sind deshalb auch gute Sänger*innen. Eine Aufführung beginnt in der Regel mit dem markanten Anfangsmotiv, einem Signal, das rozfuk genannt wird. Dabei wird vom höchsten Ton der Flöte eine Tonfolge abfallend bis zum tiefsten Klang des Instruments gespielt. Traditionell wird auf der Fujara eine 12-tönige, mixolydische Skala gespielt. Auf die Anblasformel rozfuk folgt die erste Strophe, die auf der Flöte mit reichhaltigen Improvisationen, frei umspielt wird. Danach setzt der Fujara-Spieler ab und singt die Strophe noch einmal, um den Text zu Gehör zu bringen. Ein Beispiel für diese traditionelle Vortragsweise gibt der Meister Ladislav Libica in einer Aufnahme des Liedes „Kade idem, vsade trniem“, „Wohin ich auch gehe, erzittere ich“:

Imposant ist die Größe der Fujara. Ihr Schallrohr misst bis zu zwei Meter. Es ist selten kürzer als 1,40 m. Der Spieler oder die Spielerin hält das Instrument senkrecht vor dem Körper. Wegen ihrer Länge werden Fujaras mit Hilfe eines am Instrumentenkorpus befestigten Anblasrohrs gespielt, das das Anspielen vereinfacht. Die Anblastechnik ist ähnlich der Vorrichtung an den Moseño Flöten aus Südamerika. So lässt sich auch die Fujara (ebenso wie die Moseño) relativ leicht anspielen. Der Ton entsteht wie bei einer Blockflöte durch eine sogenannte Kernspalte. Man bläst Luft durch das Rohr und es entsteht sofort ein Ton. Die Herausforderung, um die Fujara gut zu spielen, ist dann die Töne durch Griff- und Atemtechnik gut zu führen und anzuspielen.

Die Fujaras besitzen drei vorderständige Grifflöcher. Die Grifflöcher befinden sich bei der Fujara im unteren Drittel der Instrumente. Der Spieler bzw. die Spieler*in muss ihre Arme oft etwas strecken, um die Grifflöcher zu erreichen. Der Mittelfinger der linken Hand bedeckt das oberste Griffloch. Die rechte Hand wird zu den beiden unteren Tonlöchern geführt; der Daumen der rechten Hand überdeckt das mittlere Griffloch und ihr Mittelfinger das untere Tonloch. Fujaras besitzen generell kein Griffloch für den Daumen auf der Rückseite des Rohrs. Ein Video schaut dem 2017 verstorbenen, sehr anerkannten Fujara-Meister Dušan Holík auf die Finger:

Über die Ursprünge der Fujara weiß man bisher leider nur sehr wenig. Als sicher gilt, dass der Bau der Instrumente und ihre Verwendung ins 17. und 18. Jahrhundert datiert werden können. Möglicherweise spielten bei ihrer Entwicklung andere Musikinstrumente aus der Kunstmusik eine Rolle. Das Bassoon und die barocke Bassblockflöte für den Bau von Fujaras Anregung geboten haben.

Die Fujara im 21. Jahrhundert

Jede Fujara ist etwas Besonderes, ein Unikat. Die Instrumente werden von Hand gebaut, deshalb folgt jedes einzelne einer individuellen ästhetischen und klanglichen Konzeption. Die Bauweise der Instrumente wurde im Laufe der Jahre, der Nachfrage folgend, beständig an die Bedürfnisse der Musiker*innen angepasst. Heutige Instrumente werden den aktuellen Anforderungen gerecht, sie sind trotz ihrer Länge gut transportabel, einwandfrei gestimmt und dadurch auch mit anderen Instrumenten kombinierbar. Auch der Abstand der Grifflöcher ist im Vergleich zu älteren Instrumenten etwas komfortabler.

Die DAN MOI Fujaras sind 150 cm oder 170 cm lang und aus Holunderholz gefertigt. Sie sind von handwerklich höchster Qualität, sauber gestimmt und sorgfältig behandelt, um garantiert lange damit Freude zu haben. Gestimmt sind die Flöten auf die vier Grundtöne A2, B(H)2, C#3 und D3 oder G2, A2, B(H)2 und C3. Intuitiver lässt sich die neuentwickelte Fujara Integral spielen, mit der man herrlich improvisieren kann. Die Skala kann noch um viele Töne der Obertonreihe erweitert werden. Indem der Spieler oder die Spielerin die Atemluft unterschiedlich stark in das Instrument bläst, können durch die Technik des „Überblasens“  weitere Töne der Obertonskala angesteuert werden. Gebaut hat die Fujaras von DAN MOI ein slowakischer Instrumentenbauer, der in Tschechien seine Werkstatt hat. Die Fujaras sind mit einem filigranen Ornament im oberen Teil der Flöte geschmückt. Die Oberfläche der Flöte ist mit Leinöl behandelt. An den Instrumenten von DAN MOI ist außerdem eine Klappe angebracht durch die das Kondenswasser, das beim Spielen entsteht, abgelassen werden kann.

Heute gibt es viele Fujara Spieler – und das nicht nur in der Slowakei, sondern auch in anderen Ländern Europas und auf dem amerikanischen Kontinent. Inzwischen sind es nicht die Hirten, die Fujara spielen, es sind Menschen, die z.B. als Ärzte, Lehrer, Elektriker oder Anwälte in Städten leben. Neue Kompositionen für die melancholischen Bassflöten entstehen. Bereits seit vielen Jahren haben auch Musiker*innen aus den Bereichen Jazz- und Weltmusik die Fujara entdeckt und bringen sie in verschiedensten Kontexten zum Klingen. Musiker wie Marco Trochelmann, Bernhard Mikuskovics oder Max Brumberg machen die Fujara über ihre nationalen Grenzen bekannt. Die Fujara mit ihrem berührend tiefen Klang wird inzwischen auch zu therapeutischen Zwecken und zur Meditation eingesetzt.

In der Slowakei selbst ist die Aufmerksamkeit für die Fujara, parallel zur 1993 gewonnen Unabhängigkeit der Slowaken, noch einmal signifikant gestiegen. Nachdem bereits in den 1960er Jahren mit der Gründung von Folklore-Festivals und instrumentenkundlichen Forschungen ein erster Aufschwung wahrnehmbar war, folgte seit 1975 ein Fujara-Wettbewerb für Spieler und Instrumentenbauer, der als Ausgangspunkt für die Renaissance des Instruments gilt. Die Fujara wurde in der ganzen Slowakei bekannt, behielt jedoch ihr traditionelles Zentrum in der Zentralslowakei, in der Region Podpol’anie, bei.